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01/06/2026

Work in progress - Bleistiftschachteln auf Plattform

Ansicht meiner Werkbank, auf der gerade eine Schachtel mit Efalin bezogen wird.

So sieht mein Arbeitsplatz zur Zeit aus. Ich beziehe Unterteile von Bleistiftschachteln auf Plattform mit pariserblauem Efalin. Efalin ist ein strapazierfähiges Bezugsmaterial mit einem Gewicht von 120 g/m², sieht auch sehr gut aus, ist aber ziemlich widerspenstig in der Verarbeitung. Beim Leimauftrag rollt es sich ein, es ist starr und will sich nicht so einfach um Ecken und Kanten legen, ohne sanfte Gewalt läuft gar nichts. Das macht das Arbeiten mit Efalin anstrengend (und was für eine Wohltat, wenn man danach wieder zum Chiyogami übergehen kann!).

Ich habe einmal von jemandem den Tipp bekommen, dass man Efalin vor der Verarbeitung eine Weile unter feuchte Tücher legen kann, denn dann ist es weniger störrisch. Ich glaube, dieselbe Person hat auch erzählt, dass früher in der größeren Buchbinderei die Kollegen gerne einmal krank waren, wenn Efalin verarbeitet wurde. Das kann ich absolut nachvollziehen!

Warum schlage ich mich dann mit diesem eigensinnigen Material herum? Weil ich noch von einer früheren Auftragsarbeit eine Menge größerer Schnittreste dieses pariserblauen Efalins habe. Dann habe ich auch noch eine Sammlung neuer italienischer Buntpapiere und ein britisches Marmorpapier, was zusammen mit dem Efalin einfach edel aussieht. Es gibt also demnächst eine neue Gruppe von Bleistiftschachteln auf Plattform.

Und danach entwerfe ich eine neue Kollektion von Schachteln mit Wickelhülle für die Weihnachtsmesse Karlsruhe, wo ich wieder mein geliebtes Chiyogami verarbeiten kann.

Jetzt aber noch ein paar Werkfotos von den Schachteln mit Efalin:

Da Efalin so steif ist, müssen die Ecken sauber ausge-
arbeitet werden. Hier wende ich eine Methode an, die
ich von Kathy Abbott gelernt habe.
Die schmalen Zungen werden überkreuz auf die
Pappkante geklebt. Der Streifen im Inneren der
Schachtel verstärkt die Ecke.
Die fertig bezogene Ecke sieht so aus.
Zuerst werden alle vier Ecken ausgearbeitet, dann
kommen die langen Seiten, dann die kurzen.
Die Schachtelwände müssen während des Beziehens
innen abgestützt werden, da Efalin einen starken
Zug entwickelt und die Wände sich sonst krümmen.
Eine der kurzen Seiten bezogen.
Wer auf der Werkbank sitzt, wird fotografiert!

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04/05/2026

Ein Reise-Engel auf Reisen

Ein Reise-Engel von Atelier Gry hängt am Halteriegel des ausklappbaren Tisches an einem Sitz im Zug der DB Regio Bayern.
Das ist mal etwas anderes, als per Post zu reisen.
Ein Reise-Engel von Atelier Gry hängt am Griff einer Terrassentür in der Sonne.
Ahh, angekommen!
Jetzt ein wenig die Sonne genießen ...
Ein Reise-Engel von Atelier Gry hängt am Griff eines Tyrola-Holzofens.
Brr, ein Holzofen! So ein Feuer ist
ganz schön gruselig, wenn man aus Papier ist.
Ein Reise-Engel von Atelier Gry lehnt an einem runden Holzfenster.
Runde Fenster sind einfach schön.
Ein Reise-Engel von Atelier Gry lehnt an einem Stickzeug auf einem Holztisch in der Sonne, daneben ein Wasserglas.
Das Strickzeug war natürlich auch mit von der Partie.

Der Reise-Engel, der im letzten Urlaub mit mir in der Straßenbahn zum Sport gefahren ist, hat den anderen natürlich von seinem Abenteuer erzählt. Und jetzt wollte auch ein Reise-Engel mitfahren. Diesmal aber nicht nur Straßenbahn, sondern auch Regionalbahn und sogar ICE!

Das ist meine Urlaubspostkarte 2026.

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23/03/2026

Frohe Ostern!

Ein künstliches Nest mit drei Ostereiern in Gelb, Rot und Blau und drei Gänseblümchen steht auf einer Wiese mit blühendem Ehrenpreis. Dazu ein gelber Schriftzug: 'Fröhliches Eiersuchen' und eine graue Kaninchensilhouette.

Meine Bewerbung für den Staatspreis Kunsthandwerk Baden-Württemberg 2026 ist abgegeben und alle Anmeldungen für die Ausstellungen der Wintersaison sind abgeschickt. Gut, dass jetzt bald Ostern ist, und weil das gerade passt, habe ich mir für den restlichen April noch Urlaub genommen.

Im Mai geht es dann hoffentlich gut erholt und gestärkt wieder an die Arbeit. Zum Jahresbeginn habe ich Atelier Gry strategisch neu ausgerichtet und konzentriere mich nun auf meine Kernkompetenz: die Herstellung von Schachteln mit Wickelhülle und Magnetverschluss. Sie können sich also bald über neue und weiterentwickelte Schmuckboxen, Etuis, Brillenboxen, Visitenkartenboxen usw. mit neuem und altem Chiyogami freuen.

Aus dem Bereich der Weihnachtsmärkte bzw. Ostermärkte habe ich mich bewusst zurückgezogen und fokussiere mich nunmehr klar auf Veranstaltungen, wo ich neben anderen professionellen Kunsthandwerkern ausstellen kann.

Und auch beim Bloggen gibt es Veränderungen. Künftig gibt es hier alle drei Wochen einen neuen Beitrag, damit es mir zusammen mit Instagram nicht zu viel des Guten wird. Ich hätte nämlich auch noch gerne Zeit für mein Handwerk! :-)

Jetzt wünschen ich und die Werkstattkatze noch allen Leserinnen und Lesern ein schönes Osterfest, fröhliches Eiersuchen und hoffentlich gutes Wetter! Hier geht es nach meinem Urlaub am 4. Mai weiter.

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27/01/2025

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten, Teil 2

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich Ihnen meine Eis- und Schneesterne vorgestellt. Hier sind sie noch einmal. Sie können die Fotos übrigens (wie alle Fotos in diesem Blog) durch Anklicken vergrößern und bei Bedarf genauer betrachten.

Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern A
Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern B
Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern C
Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern D
Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern E

Es sind klassische Scherenschnitt-Sterne mit vier bis acht Spitzen, wie man sie häufig sieht. Die echten Eis- und Schneekristalle haben allerdings sechs Spitzen, denn gefrierendes Wasser bildet immer sechseckige Formen. Man kann natürlich auch Scherenschnitt-Sterne mit sechs bis zwölf Spitzen machen. Das erfordert jedoch etwas Mehraufwand und den Einsatz eines Geodreiecks.

Man nimmt dafür wieder ein Quadrat aus Papier, Bastelfolie oder Ähnlichem. Diesmal sollte es möglichst groß sein, denn das Papierpäckchen, in das man die Muster schneidet, wird dick. 21 x 21 cm ist eine gute Größe für den Anfang. Dieses Quadrat faltet man einmal diagonal zu einem Dreieck. Das Dreieck noch einmal in der Mitte zusammenfalten; das ergibt wieder ein Dreieck. Dessen obere Spitze ist ein rechter Winkel (90 Grad), der in drei gleiche Teile geteilt werden muss. Man markiert also mit Geodreieck und Falzbein (oder Prägenadel, Häkelnadel, stumpfes Messer, leerer Kugelschreiber) eine Faltlinie bei 30 Grad und eine zweite bei 60 Grad. An der ersten Faltlinie das Papier nach hinten falten und an der zweiten Faltlinie nach vorn, so dass man eine Zickzackfaltung erhält. Jetzt stehen vorn und hinten zwei Spitzen über, die man bündig mit dem mittleren Drittel abschneidet. Das ist das Papierpäckchen, in das Sie Ihre Muster schneiden können. Dazu werden Sie eine kräftige Schere brauchen; feine Scheren kommen da an ihr Limit.

Wenn Sie mir bis hierhin folgen konnten, können Sie sicher nachvollziehen, warum man Scherenschnittsterne mit sechs Spitzen eher nicht in Kindergärten und Grundschulen sieht. Haben Sie nur Bahnhof verstanden, so gibt es bei Sibylle Hitz eine bebilderte Anleitung. Und wo Sie schon einmal dort sind, sehen Sie sich die wunderbar filigranen Sterne an, die Frau Hitz an ihr Fenster geklebt hat. Alle mit sechs oder zwölf Spitzen, also aus einem doch sehr steifen zwölflagigen Papierpäckchen geschnitten - Respekt und Hut ab!

Weißer Scherenschnitt-Schneestern auf einer hellgrauen Schneidematte

Hier ist mein Versuch, eine 'anatomisch korrekte' Version von Stern A mit sechs Spitzen zu machen. Meine Schere war nicht die richtige für diese Arbeit und die Papierlagen sind verrutscht ...

Wenn Sie es besser machen wollen, finden Sie hier die Mustervorlagen für meine Sterne A bis E, sowohl für die klassische Version (obere Reihe), als auch für 'echte' Eiskristalle mit sechs Spitzen (untere Reihe). Dafür habe ich die ursprünglichen Muster in Photoshop Elements von 45 Grad auf 30 Grad zusammengeschoben. Ich sagte ja, Eis- und Schneesterne sind angewandte Geometrie! Im Experten-Modus funktioniert das mit dem Befehl Bild --> Transformieren --> Frei transformieren. Zuvor kann man sich mit dem Linienzeichner eine Hilfslinie im passenden Winkel ziehen.

Da ich meine Scherenschnitt-Sterne nun damit schon digitalisiert habe, könnte ich als Nächstes versuchen, sie vom Schneideplotter ausschneiden zu lassen. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll, am besten in der Vorweihnachtszeit.

P.S.: Sie fragen sich, ob ich denn überhaupt noch 'richtige' Buchbindearbeiten herstelle? Natürlich, denn - Psst! - nach dem Staatspreis ist vor dem Staatspreis!

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

13/01/2025

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten

Willkommen zurück und ein gutes neues Jahr!

Als Kunsthandwerker*in mit saisonaler Ware hat man die Wahl, entweder gegen die Jahreszeit zu arbeiten oder mit ihr. Ersteres bedeutet, im Sommer an der Weihnachtsware zu sitzen und im Herbst an der Osterware, falls man so etwas hat. Im Sommer bei bestem Licht und Hitzewelle die Engel jauchzen und frohlocken zu lassen ist schon merkwürdig. (Obwohl Engel sicher zu jeder Jahreszeit jauchzen und frohlocken, wenn es einen Anlass gibt.) Ich persönlich möchte das beste Licht und die langen Tage lieber für die komplizierten Arbeiten und Wettbewerbsexponate nutzen, also arbeite ich mit der Jahreszeit und produziere meine weihnachtlichen Werke im Winter, ein Jahr im Voraus. Man könnte natürlich auch zeitig im Herbst anfangen wie die Supermärkte mit ihren Lebkuchen Ende August, aber da werde ich nie rechtzeitig fertig und dann wird es stressig.

Bei mir gilt deshalb 'Nach Weihnachten ist vor Weihnachten', was auch den angenehmen Effekt hat, dass man im kalten und dunklen Januar nicht in ein ebenso geartetes Loch fällt, das man dann mit dem Buchen des Sommerurlaubs und Kaufen von absolut nicht nachhaltigen Treibhaustulpen füllen muss.

Es sind also gerade Engel und Sterne angesagt. Die Engel haben Sie bestimmt schon gesehen, die Sterne kennen Sie auch, aber was ist mit dem jahreszeittypischen Phänomen der

Eis- und Schneesterne

Sie sind im Winter allerorten, und kein Kreativblog kommt ohne sie aus, wie mir scheint. Ich meine diese Scherenschnitt-Eisblumen aus Papier, die man im Kindergarten oder in der Grundschule lernt und die dann ab der Adventszeit an allen Fenstern kleben, hinter denen Menschen wohnen, deren Hände noch etwas anderes können als tippen, wischen und scollen. Ein total alter Hut also, aber mit Potenzial. Denn bei den Scherenschnitt-Sternen können sich alle schöpferisch austoben und machen, was sie wollen, es sieht immer eindrucksvoll aus. Man kann ganz große Sterne machen oder ganz kleine, so grob oder so filigran, wie man will (oder das Papier aushält), man kann sie aus allem herstellen, das sich falten und schneiden lässt und braucht nur eine Schere dazu. Die Sterne können aussehen wie echte Eiskristalle, barocke Rosetten, Spitzendeckchen, Blüten, Spinnweben ... und außerdem sind sie angewandte Geometrie!

Fünf Scherenschnitt-Sterne aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie mit Sternchenprägung auf schwarzem Grund, mit Kiefernzweigen garniert.

Hier sehen Sie meine Eis- und Schneesterne, die ich für den privaten Gebrauch und schon vor ein paar Jahren aus kupferfarbener Alufolie gemacht habe. Falls Sie vergessen haben, wie das geht:

Illustrationen der drei Faltschritte, wie im folgenden Abschnitt beschrieben.

Man nehme ein quadratisches Stück Papier (oder Alu-Bastelfolie), meins ist 10x10 cm groß. Dieses faltet man einmal in der Mitte, so dass man ein Rechteck erhält (1), dann nochmal in der Mitte falten, so dass man wieder ein Quadrat hat (2). Dieses Quadrat faltet man diagonal in der Mitte und erhält ein Dreieck (3). Wer Wert auf ein besonders gleichmäßiges Muster legt, faltet die obere Papierschicht nach vorn und die untere nach hinten um. Das Dreieck hat dann eine Zickzackfaltung, was (leicht aufgefaltet) so aussieht:

Leicht aufgefaltetes Dreieck, um die Zickzackfaltung zu zeigen.

[Das empfiehlt sich vor allem bei sehr filigranen Sternen und dickerem Material. Denn wenn man bei Schritt 3 das ganze Quadrat klassisch einmal in der Mitte faltet und dann ein Muster hineinschneidet, werden die Einschnitte in der außen liegenden Papierschicht deutlich größer als in den innen liegenden Papierschichten, was das Muster unregelmäßig macht. Wobei man das auch als gewolltes Stilmittel einsetzen könnte.]

Ist das Papier zu einem Dreieck gefaltet, kann man mit Vorzeichnung oder ohne ein Muster hineinschneiden. Wichtig ist nur, dass an den Kanten 1 und 2 (siehe folgendes Bild) Material stehen bleibt, das den Stern zusammenhält. Deshalb ist es nicht verkehrt, vor dem Schneiden noch einmal nachzusehen, wo die offene Kante und wo die Mitte des Papiers ist. Jetzt können Sie schon loslegen und eigene Sterne gestalten.

Aufgefalteter Scherenschnitt-Stern mit eingezeichnetem roten Dreieck, dass das sich wiederholende Muster markiert.

Hier ist einer von meinen Sternen mit rot eingezeichnetem Rapport (= das sich wiederholende Muster). Sollten Sie diesen Stern nacharbeiten wollen, falten Sie ihr Papier nach Anleitung zu einem Dreieck und richten Sie es so aus wie das rote Dreieck auf dem Foto (die Mitte des Papiers zeigt nach unten, die rechtwinklige Spitze des Dreiecks zeigt nach rechts). Dann schneiden Sie alles weg, was innerhalb des rot eingezeichneten Dreiecks schwarz ist.

Ob Eigenkreation oder nach Vorlage, wenn Sie alles weggeschnitten haben, was nicht zum Muster gehört, falten Sie den Stern auf, genießen den 'Ohhh'-Moment und glätten die Falten. Alufolie kann man mit dem Falzbein oder Fingernagel glattpolieren und Papier kann man über Nacht unter einem schweren Gewicht (z.B. Bücher) plattdrücken.

Meine Sterne sind übrigens Eis- und Schneesterne mit künstlerischer Freiheit, denn echte Eis- und Schneekristalle haben immer sechs Spitzen und nicht vier oder acht, wie diese hier. Aber das gehört zu einer anderen Geschichte, die in 14 Tagen erzählt werden soll.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

06/05/2024

Atelier Gry repariert, die Zweite

Kintsugi – Reparieren auf japanische Art

Am 11. März habe ich darüber geschrieben, wie ich in ein paar älteren Semestern unter meinen Werken rostende Magnete entdeckt und diese repariert habe. Dabei ging es mir darum, die rostenden Magnete durch intakte zu ersetzen und Stellen im Futterpapier mit Rostflecken möglichst unsichtbar gegen sauberes Futterpapier zu tauschen. Auch wenn es keine Flecken gab, musste ich das Futterpapier aufschneiden, um an die Magnete zu gelangen. Nach Abschluss der Reparatur musste dieser Schnitt wieder geschlossen werden. Ich denke, das ist mir gut gelungen. Wie Sie sehen können, sehen Sie nichts von einer Reparatur an meiner eigenen Box mit Häkel- und Strumpfstricknadeln!

Geöffnete Stiftebox mit saftgrünem Gewebebezug und einem Futter aus dem Chiyogami 'Ume', gefüllt mit mehreren Strumpfstricknadeln und Häkelnadeln.

Aber auch wenn man nichts sieht, fühlen kann man die reparierten Stellen schon und manchmal, je nach Lichteinfall, auch eine feine Linie sehen. Nach unserem westlichen Verständnis ist die reparierte Box somit mängelbehaftet und nicht mehr viel wert. Wäre es nicht meine eigene, ich könnte sie allerhöchstens noch als B-Ware verkaufen, obwohl die reparierte Box tatsächlich stärker geworden ist im Vergleich zu einem unversehrten Stück. Aber so ist unser westliches Verständnis: Nur perfekte und makellose Schönheit ist vollkommen – und das, obwohl wir alle wissen, dass Perfektion unmöglich ist und Makel sicher kommen werden. Bei unseren Gegenständen durch die unvermeidbaren Gebrauchsspuren und bei uns selbst durch Krankheit und das Altern.

Das Bestehen auf Vollkommenheit erzeugt ungeheuren psychischen Druck und eine Menge Müll, ist also inhärent keine gute Sache. Dabei könnten wir uns entspannen, indem wir die Sache mit der Schönheit nicht so eng sehen. Es geht nämlich auch anders.

In Japan kennt man das Konzept des wabi sabi. Kurz gesagt bedeutet es, dass Schönheit erst durch kleine Fehler interessant und 'vollkommen' wird, und dass Gebrauchsspuren erst den Charakter und den Wert eines Gegenstandes ausmachen. In anderen Worten: Erst die Macken machen die Teeschale perfekt. Aber was, wenn die Teeschale herunterfällt und kaputtgeht? Dem Shogun Ashikaga Yoshimasa ist im 15. Jahrhundert genau das passiert. Und es war eine besonders schöne und wertvolle chinesische Teeschale, die da in Scherben lag. Da es sich um seine Lieblingsschale handelte, hat er sie zum Reparieren zurück nach China geschickt. Sie wurde auch repariert, so wie das damals üblich war: Die Scherben wurden mit Hilfe von Metallklammern zusammengefügt. Dem Shogun hat das Ergebnis allerdings überhaupt nicht gefallen. Aber was das Schlimmste war: Aus der geklammerten Schale konnte er keinen Tee mehr trinken!

Ashikaga Yoshimasa hat daraufhin japanische Handwerker beauftragt, seine Schale noch einmal zu reparieren. Und diese haben die Scherben mit Hilfe von Urushi-Lack zusammengeklebt, aber nicht etwa unsichtbar. Dem Lack wurde Goldpulver hinzugefügt, so dass zwischen den Scherben goldene Fugen entstanden, die man nach Wunsch fein abschleifen oder auch erhaben stehen lassen konnte. Das war die Geburtsstunde von Kintsugi, was in etwa "Zusammenfügen mit Gold" bedeutet und heute immer noch praktiziert wird. Als westlicher Mensch muss man das einmal kurz verinnerlichen: Anstatt den Makel zu verbergen wird er hervorgehoben und gar vergoldet! Ashikaga Yoshimasa jedenfalls war mit der Reparatur hoch zufrieden und konnte seine Schale wieder zum Teetrinken benutzen.

So sieht Kintsugi aus. Dies ist eine Koreanische Teeschale (16. Jhd.) aus dem Ethnologischen Museum in Berlin mit den typischen goldenen Fugen in der rechten Hälfte.
Von Daderot - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45589849

Hat das alles irgendetwas mit Buchbinden zu tun? Ja, denn aus dem Konzept Kintsugi kann man Gewerk-übergreifend etwas lernen. Zum einen kann eine Reparatur, richtig ausgeführt, den Wert eines Gegenstandes bewahren und sogar erhöhen. Wobei es vom Kontext abhängt, was im Einzelfall 'richtig' ist. Zum anderen muss eine Reparatur nicht zwingend versteckt werden.

Ich arbeite gerade an einer neuen Reihe von Boxen, die zu Ehren der Bamberger Kaliko (die seit 2022 den Betrieb eingestellt hat) ganz mit Buchgewebe in mehreren harmonischen Farbtönen bezogen sein soll. Dazu beizeiten mehr. Bei solcher Entwicklungsarbeit fallen immer Stücke an, wo das eine oder andere auf Anhieb nicht so gut gelingt und was in einem zweiten Durchgang verbessert werden soll. Man könnte solche Prototypen nun als mangelhaft wegwerfen – oder sie, falls sie ansonsten gut gearbeitet sind, mit Hilfe der Kintsugi-Idee aufwerten und zu einer eigenen Reihe weiterentwickeln. Sie können gespannt sein, ob und wie mir das gelingt.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

11/03/2024

Atelier Gry repariert, die Erste

Rosa und weiß blühende japanische Zierkirschen im Schwetzinger Schlossgarten, mit blauem Himmel und zwei weißen Steinlöwen im Hintergrund.
Detailaufnahme einer rosa und weiß blühenden japanischen Zierkirsche vor tiefblauem Himmel
Im benachbarten Schwetzingen blühen im Schlossgarten die Zierkirschen. Ungleich fotogener als das, was kommt ...

Spachtelmasse und Magnete

Wenn Sie schon einmal umgezogen sind, haben Sie bestimmt auch schon Bohrlöcher mit Spachtelmasse füllen müssen. Beim Buchbinden gibt es auch Gelegenheiten, wo man Unebenheiten ausfüllen möchte. Kürzlich habe ich ein paar ältere Semester unter meinen Werken repariert und mir eine Spachtelmasse für Pappe gewünscht. Aber gibt es so etwas? Gibt es!

Natürlich nimmt man bei Pappe nicht Moltofill & Co! Ich verwende reine Methylcellulose, mit der ich kleine, nicht zu dicke Papierschnipsel aufklebe, bis die Unebenheit gefüllt ist. Die Schnipsel sind in Etwa so groß wie die Unebenheit, die nivelliert werden soll. Mit der Methylcellulose wird ein Schnipsel nach dem anderen aufgeklebt und jeweils gut mit dem Falzbein angerieben. Das macht man so lange, bis der Schnipselhaufen die Oberfläche der umgebenden Pappe etwas überragt. Nochmals gut anreiben und über Nacht oder 24 Stunden trocknen lassen. Wenn alles trocken ist, die Stelle mit feinem Schleifpapier auf Klotz oder Feile ganz glatt und eben abschleifen. Die Fingerspitzen sollen kaum noch einen Unterschied zur Pappoberfläche fühlen können. Fertig ist die perfekt ausgefüllte Ex-Unebenheit, was so aussieht:

Zwei Stück zugeschnittene Graupappe für eine Wickelhülle, eins mit einer weißen Stelle, wo eine Unebenheit mit Papier und Methylcellulose gefüllt wurde.

Methylcellulose ist als Tapetenkleister erhältlich, es gibt sie aber auch in kleinen Tütchen als Bastelkleister oder Pappmaché-Kleister zu kaufen. Zum Reparieren ist es wichtig, dass es sich um reine Methylcellulose ohne Zusatzstoffe handelt, denn dann sinkt sie beim Trocknen ins Papier ein und kann später problemlos abgeschliffen werden, ohne das Schleifpapier zu verstopfen.

Damit man die gefüllte Stelle in ein paar Jahren nicht nochmal reparieren muss, weil sich Flecken gebildet haben, sollte das Papier für die Schnipsel ein möglichst hochwertiges (und idealerweise säurefreies) Papier sein. Warum? Billiges Papier altert sehr schnell und unschön. Vielleicht haben Sie noch ein Taschenbuch, das schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat? Da können Sie nicht nur sehen, wie die Klebebindung auseinanderfällt, sondern auch, wie die Seiten vergilbt oder sogar fleckig geworden sind. So etwas wollen wir nicht für eine Reparatur!

Magnete, die rosten, wollen wir auch nicht! Leider habe ich kürzlich (siehe oben) in meinen Frühwerken ein paar gefunden. Da ich vor nunmehr 13 Jahren als Buchbinderin angefangen habe und in der ersten Zeit vorrangig mich selbst und meine nähere Umgebung mit Büchern und Schachteln versorgt habe, kann ich an meinen eigenen Notizbüchern, Brillen-, Stifte- und Spielkartenboxen beobachten, ob und wie diese altern. Erfreulicherweise haben die meisten die Zeiten unbeschadet überstanden. Aber leider nicht alle. Deshalb hier ein Aufruf:

Sollten Sie ältere Schachteln mit Magnetverschluss von mir haben, in denen Magnete rosten (erkennbar an rostroten Flecken auf Papier oder Gewebe und/oder einer hubbeligen Oberfläche, wo der Magnet sitzt), bitte melden Sie sich. Ich kann kostenfrei betroffene Magnete austauschen und die Stelle reparieren. Sie zahlen nur evtl. das Porto für die Einsendung.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

01/03/2024

Klimastreik bei Atelier Gry

Eine schwarzweiße Katze auf einem Kissen, daneben ein kleines Schild mit der Aufschrift 'Ich streike für's Klima'.

Die Klimakrise schreitet voran und die Politik schaut dabei zu. Vor allem im Verkehrssektor steigen die Emissionen. Die Regierung und Volker Wissing blockieren und verschleppen notwendige Veränderungen, wo sie nur können. Wir wollen das ändern. Denn die Verkehrswende ist elementarer Bestandteil für die Transformation der Wirtschaft. Klimakrise = Wirtschaftskrise
Text © Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V.

Übrigens: Atelier Gry ist heute und alle Tage klimafreundlich unterwegs und besitzt kein eigenes Auto. Die Werkstattkatze geht sowieso zu Fuß, ich meistens auch oder ich nutze den ÖPNV. Sehr selten fahre ich bei jemandem im PKW mit oder lasse etwas transportieren.

23/10/2023

10 Jahre Atelier Gry: Alte Schachteln

Am 27. November 2013 wurde Atelier Gry gegründet. Das ist schon unglaubliche zehn Jahre her!

Zur Feier dieses Jubiläums habe ich ein paar alte Schachteln von vor zehn Jahren aus meinem Fotoarchiv gegraben. Damals war Atelier Gry noch auf der Verkaufsplattform DaWanda und ich erinnere mich gut an die unproduktive Riesenarbeit, die das Fotografieren und Einstellen von Artikeln gemacht hat. Die Schachteln habe ich damals zum Fotografieren in ein Fach meines schwarzbraunen Bücherregals gestellt, mit einem schwarzen Wollpullover als Licht schluckenden Hintergrund und einer gewöhnlichen Leselampe als Beleuchtung – gewaltige Farbstiche inklusive, die man erst einmal wieder entfernen musste.

Drei Ansichten von zwei rechteckigen Bleistiftschachteln vor schwarzem Hintergrund
Vier kleine quadratische Schachteln in verschiedenen Ansichten vor schwarzem Hintergrund

Es waren ganz einfache Schachteln mit Stülpdeckel, die mit Chiyogami oder Katazome-shi bezogen wurden. Inspiriert wurden sie von den Schachteln, die man zu meiner Zeit bei Shepherds in London kaufen konnte. Wie ich sehe, haben sie mit den kleinen quadratischen Schachteln aufgehört, aber die Bleistiftschachteln verkaufen sie noch immer. Aber sie können dort noch ganz andere Sachen, zum Beispiel die neue Bibel für die Krönung von König Charles III.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

25/09/2023

Nichts Besseres zu tun

Ein Essay

Dann und wann begegne ich Menschen, denen die – zumeist unausgesprochen bleibende – Frage auf der Stirn steht: "Warum gehst Du nicht arbeiten?". Eine berechtigte Frage. Kurioserweise haben diese Frager immer selbst eine Arbeit, die sie nicht wirklich gern machen und bei der sie Tätigkeiten ausüben, die jeder beliebige andere Mensch (oder demnächst vielleicht Künstliche Intelligenz) ebenso gut ausführen könnte – womit sie dann aus gutem Grund in ständiger Sorge leben, redundant gemacht zu werden. Das ist in sich selbst schon eine Antwort.

Eine andere – und viel wichtigere – Antwort ist: Weil ich nichts anderes kann und will als Buchbinden. Es ist das Lohnenswerteste, das ich mir vorstellen kann und ich habe buchstäblich nichts Besseres zu tun. Eine andere Buchbinderin hat mir einmal erzählt, dass sie sich bei ihrem ersten Besuch in einer Buchbinderwerkstatt gefühlt hat, als höre sie die Engel singen. Bei mir lacht das Herz, wenn ich schöne Bücher, Schachteln oder Faltarbeiten sehe. Der Kopf will wissen, wie es gemacht wurde und die Hände wollen es nachmachen und weiterentwickeln. Das Schönste ist aber, wenn ein Werkstück, das man bisher nur vor dem inneren Auge gesehen hat, Form annimmt und noch viel besser aussieht, als man sich das vorgestellt hat.

Es hat auch viel mit Glauben zu tun; das heißt, wovon ich glaube, dass es eine sinnvolle Verwendung meiner Lebenszeit ist. In der Galerie Handwerk Koblenz gab es dazu in der ersten Jahreshälfte eine Ausstellung namens CREDO – Warum wir tun, was wir tun, kuratiert von der mir persönlich bekannten und sehr geschätzten Karin Bille, bin ich doch eine von 'ihren' Kunsthandwerkerinnen. Leider war ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr in Koblenz und konnte nicht persönlich hingehen, aber im dazugehörigen Pressetext gewinnt man einen Eindruck. Leider ohne Beispiele für die genauen Antworten, die die 17 Spitzenhandwerker gegeben haben.

Stellvertretend hören wir die Antwort der Papierkünstlerin, Buchbinderin und Schachtel-Gestalterin Corinna Weinheimer-Erith. Sie lebt in der Bretagne und war daher nicht Teil der Koblenzer Ausstellung, wäre aber meiner Meinung nach mehr als würdig, unter den Spitzenhandwerkern genannt zu werden: "Was mich zum Schaffen anspornt [ist] die Freude an der Arbeit mit edlen, angenehmen Materialien [...] und einfachen, schönen und sehr zweckmäßigen Werkzeugen. Es ist auch die Freude daran, allein oder im Gespräch mit dem Kunden Herstellungslösungen zu suchen und zu finden, neue Dinge auszuprobieren – und meistens ist auch das Ergebnis ein Freude." (Danke an DeepL für die Hilfe bei der Übersetzung aus dem Französischen.)

Da die nächste Winterausstellung in der Galerie Handwerk Koblenz naht (und bei den gezeigten "Objekten der Spitzenklasse" meine dabei sind), habe ich mich an die Produktion frischer Lesezeichen und Reise-Engel gemacht. Und da ich gerade am Nachdenken war, habe ich mir auch hier die Frage gestellt: Warum eigentlich?

Drei Lesezeichen von Atelier Gry in den Ausführungen Wellen, Zickzack und Wintergarten.

Die elegante Form der Lesezeichen mit zwei Spitzen, die reiche Textur und die schönen Farben des Bezugspapiers, die mit dem Papier farblich harmonisierende Quaste, all das vermittelt Freude beim Betrachten und verweist auf die Freude am Lesen: Das ästhetische Empfinden spiegelt das ästhetische Empfinden beim Lesen eines guten Buches.

Drei Engel aus Papier zum Aufhängen auf schwarzer, goldgesprenkelter Trägerkarte (Trio 1).

Die Engel sind so voller Freude. Es macht Freude, sie herzustellen. Es macht Freude, sie zu betrachten. Gewiss macht es auch Freude, sie per Post zu erhalten. Wie es sich für Engel gehört, verbreiten sie positive Energien und zaubern Lächeln auf Gesichter. Fürchtet Euch nicht! Ein beglückendes Gefühl.

Und deshalb habe ich nichts Besseres zu tun!

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

31/07/2023

Der Eckenabschneider

oder: Fremdsprachen lernen zahlt sich irgendwann aus!

In einem früheren Leben (so fühlt es sich zumindest an) habe ich einmal Spanisch gelernt. Im Gegensatz zum Englischen konnte ich es aber nie richtig flüssig sprechen und die Kenntnisse sind schnell eingerostet. Aber vor zwei Jahren habe ich im Internet den Blog reino artesanal entdeckt: Eine Fundgrube mit 50 Anleitungen für Buchbindearbeiten jenseits des Üblichen; von ganz einfachen Bindemöglichkeiten für Anfänger über Koptische Bindungen und CrissCross-Bindungen (alias Secret Belgian Binding) bis hin zu Benjamin Elbels Onion Skin Binding. Aber, wie man vielleicht schon am Namen hört: Der Blog ist auf Spanisch geschrieben.

Zu meiner freudigen Überraschung habe ich festgestellt, dass ich mit meinem rostigen Spanisch reino artesanal einigermaßen verstehen kann. Natürlich waren Buchbinder-Fachbegriffe nicht Teil meines Schul-Spanisch, aber hier hilft LEO. Und so habe ich unter vielen Schätzen auch eine Anleitung für dieses nützliche Hilfsmittel auf reino artesanal entdeckt: den Eckenabschneider.

Selbst gefertigtes Werkzeug aus Graupappe, das als Hilfsmittel zum richtigen Abschneiden von Ecken im Überzugsmaterial dient.

Beim fachgerechten Beziehen einer Pappe (zum Beispiel für eine Buchdecke) muss man das Bezugsmaterial (Papier, Einbandgewebe, o.Ä.) an jeder Ecke im richtigen Winkel und Abstand abschneiden, um die Ecke sauber ausarbeiten zu können. Das ist nicht so einfach und verlangt sehr viel Übung (so in der Größenordnung von mehreren hundert Ecken pro Arbeitstag), wenn man es frei Hand wirklich jedes Mal korrekt hinbekommen will. Wer nun kein Genie mit stets perfektem Augenmaß ist und sich nicht mit der einen oder anderen miesen Ecke zufriedengeben will, kann also ein Hilfsmittel gut gebrauchen.

Die Unterseite des Eckenabschneiders zeigt die Aussparung, die später auf die Pappe gesetzt wird, um die Ecke des Bezugsmaterials abschneiden zu können.
Die Unterseite des Eckenabschneiders zeigt die Aussparung für die Pappe.
Der Eckenabschneider in Arbeitsposition mit einem Extrastück Pappe von 1mm Dicke vor der Schneidekante, was den Abstand des Schnittes zur Ecke erhöht.
Der Abstand, in dem das Bezugsmaterial abgeschnitten wird, kann auch erhöht werden. Dazu stellt man ein Stück Pappe vor die Schneidekante. Hier erhöht eine 1 mm dicke Pappe den Abstand um 1 mm, um mehr Raum für das Umschlagen von steifem Material wie Efalin zu erhalten. Mehr Informationen zum Einsatz des Eckenabschneiders und eine genaue Arbeitsanleitung gibt es auf dem Blog reino artesanal.

Auch Weltklasse-Buchbinder mit Werken in Museen und Einbandkunstsammlungen von Staatsbibliotheken nutzen ein solches Werkzeug. Mark Cockram, Fellow der Britischen Designer Bookbinders, beschreibt in seinem Artikel in The New Bookbinder, Volume Thirty-Nine aus dem Jahr 2019, wie und warum er unter anderem seine eigene Version eines Eckenabschneiders entwickelt hat – und dass seine Ehefrau Midori Kunikata-Cockram, ebenfalls Fellow der Designer Bookbinders, sich die Vorgängerversion ausgeliehen hat und sie nun nicht wieder herausrücken will.

Aber was machen Leute, die kein Spanisch verstehen und sich trotzdem so ein Helferlein zulegen möchten? Sie kaufen sich eins aus 3D-gedrucktem Kunststoff bei Schmedt, oder sie nutzen den DeepL Translator, der die reino artesanal Anleitung meines Erachtens viel besser übersetzt als Google. Vor allem, wenn man ihm beibringt, dass plegadera in diesem Fall 'Falzbein' bedeutet.

Nachtrag: 'Eckenabschneider' ist eigentlich nicht die richtige Bezeichnung für dieses Werkzeug, weil es ja nicht von selbst die Ecken abschneidet. Richtiger wäre 'Schablone zum Abschneiden von Ecken', aber das ist ein bisschen unhandlich.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

17/07/2023

Im Maschinenpark

Vor etwa einem Jahr habe ich bemerkt, dass ich Schmerzen in der Hand entwickele, wenn ich lange zuschneiden muss, also beispielsweise über hundert Kreise oder ein Dutzend komplizierter Teile aus festem Karton. Als Kunsthandwerkerin kann man keine schmerzenden Hände brauchen, denn sie sind das wichtigste Werkzeug und wollen pfleglich behandelt werden. Daher habe ich überlegt, ob mir nicht etwas die anstrengenden und auch die monotonen Schneidearbeiten abnehmen könnte.

So ein Helferlein gibt es tatsächlich und vor kurzem habe ich meinen 'Maschinenpark' durch einen Schneideplotter ergänzt.

An meinem Arbeitsplatz stehen aufgereiht ein aufgeklappter Laptop, ein Silhouette Portrait 3 Schneideplotter und ein alter Tintenstrahldrucker.
Der Atelier Gry Maschinenpark in vollem Gange: Laptop, Schneideplotter und Drucker.

Nun bin ich ja sonst stolz auf meine Feinmotorik und was meine Hände können. Ich kann Kreise ausschneiden und mit Geduld und Ruhe (und einem Podcast auf den Ohren) mit dem Skalpell feinste Schneidarbeiten ausführen. Aber wie der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch The Craftsman sagt (in deutscher Sprache 2008 als Handwerk erschienen), macht der Einsatz von Maschinen auch im Handwerk Sinn, wenn die Maschine den Menschen unterstützen kann. Unterstützen, nicht ersetzen.

In der Küche hilft ein Mixer beim Sahne schlagen, während ein Mensch kocht. Seit der Industriellen Revolution wird hingegen versucht, die menschliche Arbeit soweit wie möglich durch Maschinen zu ersetzen, denn Maschinen brauchen weder Pausen noch Urlaub, sie wollen keinen Lohn und sind auch nicht in Gewerkschaften organisiert (was natürlich selten jemand offen zugegeben hat). Und eine maschinelle Produktion hat ja auch viele Dinge für die meisten erst erschwinglich gemacht – allerdings zu dem Preis, dass diese Dinge langweilig einförmig aussehen und nicht mehr lange halten.

Richard Sennett schlägt nun vor, die schweren bis gesundheitsschädlichen Anteile der Arbeit den Maschinen zu überlassen, während Menschen sich auf das konzentrieren, was sie am besten können: beim Arbeiten sehen, fühlen, beurteilen, neu komponieren, überhaupt eine eigene Arbeitsweise haben, in Sekundenbruchteilen die Herangehensweise anpassen und auch komplett Neues erfinden. Vielleicht werden Maschinen das einmal dank KI können, aber im Moment weiß mein Schneideplotter nicht einmal, wo das Papier zu Ende ist und schneidet munter in die Matte, ohne etwas zu bemerken, wenn die Einstellungen nicht stimmen.

Silhouette Portrait 3 Schneideplotter bei der Arbeit. Werkzeughalter, Schneidematte und Papier sind aufgrund der hohen Geschwindigkeit verschwommen.
Sie ist schnell und wiederholt mit Kraft und Ausdauer auch feinste Bewegungen beliebig oft ohne jede Variation: Bei mir in der Werkstatt rattert und knirscht eine Silhouette Portrait 3.

Auf jeden Fall kann ich nun in Ruhe die Exponate für die diesjährige Winterausstellung in der Galerie Handwerk Koblenz vorbereiten, während meine maschinelle Assistentin gelochte Jugendstil-Preisschilder ausschneidet.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

03/10/2022

Buchbinder Buzzword Bingo

Jetzt naht sie wieder, die Zeit der Kunsthandwerker- und Weihnachtsmärkte! Die meisten Marktbesucher sind ja ausgesprochen freundlich und angenehm. Allerdings gibt es auch andere. Und da fallen dann auch mal Kommentare, die man als Buchbinder nicht gerne hört. Natürlich ist es Geschmackssache, ob einem etwas gefällt, aber mir scheint viele Menschen kennen keinen Unterschied mehr zwischen Massenware und Unikaten, zwischen Basteln und Kunsthandwerk. Manchen mangelt es auch schlicht an Takt. Man kann darüber lachen oder weinen – das Lachen gefällt mir dabei irgendwie besser. Und nachdem ich vor Jahren schon einmal erfolgreich jemanden zum Strichliste-Führen angestiftet habe (damals haben wir das Kompliment "Hier riecht's aber gut!" an einem Seifenstand gezählt), wage ich nun etwas Größeres und stelle ein ganzes Buchbinder Buzzword Bingo vor. Das eignet sich mit kleinen Abänderungen auch für andere Kunsthandwerker.

Das Bingo-Spiel sorgt auf Märkten für die manchmal nötige Erheiterung manchmal frustrierter Verkäufer. Man kann es allein oder zu mehreren spielen. Spielen mehrere am gleichen Stand und hören somit dasselbe, braucht jeder eine eigene Karte mit den Kommentaren in unterschiedlicher Reihenfolge. Und das sind die Spielregeln:

Variante 1: Jeder Spieler erhält eine Bingo-Karte. Wenn ein entsprechender Kommentar fällt, wird er auf der Karte markiert. Wer als erster eine waagerechte, senkrechte oder diagonale Reihe von Markierungen hat, ruft "Bingo!" und gewinnt einen vorher vereinbarten Preis.
Variante 2: Wie Variante 1, aber zusätzlich können die Spieler bestimmte Muster vereinbaren, wie z.B. alle Ecken und die Mitte.
Variante 3: Im Gegensatz zu den beiden ersten klassischen Varianten werden hier den ganzen Markttag über für die einzelnen Kommentare Strichlisten geführt. Wer am Ende die meisten hat, gewinnt. Man kann auch vereinbaren, dass bestimmte 'schwerwiegende' Kommentare doppelt oder dreifach zählen. Wer etwas Neues hört, das würdig ist, in das Buzzword Bingo aufgenommen zu werden, erhält Extrapunkte.
Corona-Variante für abgesagte Märkte: Jeder Spieler erhält kontaktlos eine Karte und denkt sich möglichst charmante und/oder schlagfertige Erwiderungen auf die Kommentare aus. Die besten Einfälle gewinnen!

Buzzword-Bingo-Karte mit 25 Kommentaren, die Buchbinder nicht gerne hören

Und was, wenn Sie ein Marktbesucher sind, der sich jetzt ertappt fühlt und dieses Bingo-Spiel überhaupt nicht lustig findet? Lachen Sie trotzdem darüber! Jeder und jede hat schon einmal etwas Unpassendes oder Dummes gesagt, das ist einfach menschlich. Mein Bingo-Spiel dient nicht dazu, jemanden vorzuführen, sondern soll helfen, möglicherweise gut gemeinte aber ungeschickte Bemerkungen mit Humor zu nehmen. Wenn Sie nicht wissen, was Sie zu den Ausstellern sagen sollen: Sie müssen nichts sagen, ein freundliches Nicken reicht vollkommen. Und wenn Sie vermuten, dass die unter dem Tisch Bingo spielen oder Strichlisten führen, lächeln Sie ihnen verschmitzt zu!

Noch eine Anmerkung: Keiner der Kommentare auf der Bingo-Karte ist erfunden. Das meiste wurde auf Märkten entweder zu mir direkt oder in meiner Hörweite über meine Arbeiten gesagt. Ein paar Bemerkungen stammen auch von Bekannten und erweiterter Familie. Ein Kommentar stammt von einem Besucher der Galerie Handwerk und bezog sich auf andere Arbeiten als meine; drei wurden zu anderen Kunsthandwerkerinnen gesagt.

Vielleicht werde ich jetzt als Unruhestifterin nie wieder zu Märkten eingeladen?

Ich freue mich über Kommentare an
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30/05/2022

Shepherds Bookbinders

Hinter der Londoner Victoria Station, in der ansonsten eher häßlichen Gillingham Street, liegt ein wahres Buchbinder-Paradies: Shepherds. Nachdem die moderne Glasfront durchschritten ist und die Füße auf einem Dielenboden stehen, erblickt man staunend antike Tische beladen mit Papierprodukten und Schachteln aller Art. Eine ganze Wand wird eingenommen von Regalen voll von über Holzstäben aufgehängten Papieren in den herrlichsten Farben und Mustern. Hier ist alles da: britische, französische und italienische Schmuckpapiere, moderne und historischen Vorbildern nachempfundene Marmorpapiere, nepalesisches Lokta-Papier und natürlich auch japanisches Chiyogami und Katazome in einer für Europa unerhörten Auswahl. Daneben Rollen von Einbandgewebe in allen Farben des Regenbogens, in mindestens fünf verschiedenen Sorten. Auch das weniger dekorative Zubehör sowie alle Arten Künstlerpapier ist in reicher Auswahl vorhanden. Dazwischen altehrwürdige Buchbinder-Gerätschaften, die sich nun als zusätzliche Auslage ihres Ruhestandes erfreuen. Ich habe sogar einen Doppelgänger meiner eigenen Werkbank dort gesehen! Doch wer zur Decke schaut und Stuck erwartet, wird enttäuscht, denn dies ist ein modernes Gebäude.

Wenn Sie einmal in London sind, lohnt sich ein Besuch unbedingt! Aber da das dank Brexit und Corona auch nicht einfacher geworden ist, können Sie auch die (englischsprachige) Shepherds-Website besuchen und sogar im Online-Shop einkaufen.

In eben diesem Online-Shop gibt es seit dem letzten Jahr noch ein ganz besonderes Bonbon. Denn bei Shepherds kann man nicht nur einkaufen, man kann auch etwas lernen. Das geht übrigens von den einfachsten Buchbinde-Arbeiten bis hin zur offiziell anerkannten City&Guilds Berufsqualifikation. Aber wir interessieren uns erst einmal für die Seite The Art of the Book. Hier können alle, die genug Englisch verstehen, in zwei Videos lernen, wie man in Großbritannien einen einlagigen bzw. einen mehrlagigen Deckenband macht. Das kostet gar nichts und wer es gerne Schwarz auf Weiß hat, kann sich sogar die schriftlichen Anleitungen ansehen und herunterladen. Wer möchte und sich bei Shepherds den entsprechenden Papierbogen gekauft hat, kann als erstes Werk ein Buch binden, in dem steht, wie man solch ein Buch macht. Das Werk enthält seine eigene Anleitung - eine witzige Idee.

Schauen Sie mal rein, wenn es Sie interessiert, wie die britischen Kollegen arbeiten. Ich habe mich beim Ansehen der Videos über die sympathische Tutorin mit der interessanten Frisur gefreut und mich an meine eigene Anfangszeit als Buchbinderin erinnert. Zwar habe ich nicht bei Shepherds gelernt, aber mein erstes selbstgebundenes Buch (das mit den vielen Anfängerfehlern) ist genau so ein einfacher einlagiger Deckenband.

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02/05/2022

Staatspreis für das Kunsthandwerk RLP 2022

Ich habe das letzte Mal spektakuläre Neuigkeiten angekündigt, und hier sind sie nun: Ich habe dieses Jahr am Wettbewerb um den Staatspreis für das Kunsthandwerk Rheinland-Pfalz 2022 teilgenommen und bin bis in die Endrunde und damit in den Katalog und die Ausstellung gekommen! Das ist eine kleine Sensation, denn zum einen ist dies ein Wettbewerb auf hohem Niveau, bei dem es gilt, eine kritische Fachjury zu überzeugen. Zum anderen bin ich Autodidaktin und da stellt schon die Anmeldung (bei der ich weder eine Gesellen- noch eine Meisterprüfung oder einen relevanten Studienabschluss angeben konnte) eine erste Hürde dar, die man mit Überzeugungsarbeit überwinden muss. Mit mir hatten sich 77 hoffnungsvolle Kunsthandwerker/innen angemeldet, 62 wurden zur Fotojury zugelassen. Dies ist die erste Runde, bei der bis zu sieben Arbeiten pro Teilnehmer/in in Form von großformatigen Fotos begutachtet werden. Zur Objektjury, der zweiten Runde, war die Anzahl der Hoffnungsvollen schon auf 47 geschrumpft. Nun wurden die Arbeiten in natura beurteilt und 42 Glückliche für die Ausstellung ausgewählt.

Hier ist meine Arbeit: Das Objekt Kontrafaktur, 34 x 34 x 4 cm groß, aus dem Jahr 2021. Als Kontrafaktur bezeichnet man ein neues Werk, das in Anlehnung an ein bereits existierendes Werk entstanden ist, wobei maßgebliche Formen oder Bestandteile übernommen wurden. Dies ist eine Kontrafaktur der 'Etudes Bauhaus D' (1929) von Victor Vasarely. Ein schwarzer Keilrahmen mit Farbflächen erweist sich als flache Schachtel mit Trennwänden nach Art eines Setzkastens hinter Flügeltüren.

Karin Lemler: Kontrafaktur (2021), Ansicht geschlossen
Karin Lemler: Kontrafaktur (2021), Ansicht geöffnet
Karin Lemler: Kontrafaktur (2021), Detailansicht innen

Die inneren Fächer sind mit fair gehandeltem Lokta-Papier aus Nepal eingefasst, mit Satogami bzw. Efalin gefüttert und haben Böden aus Viskose-Buchgewebe. Die Türen bzw. Deckel sind mit dem gleichen Buchgewebe bezogen und mit Lokta-Papier gefüttert. Außen sitzen mit unterschiedlichen Viskose-Buchgeweben bezogene Mosaikelemente. Vier Paar kleine Magnete halten die Deckel geschlossen.
Hier werden gerade die Innenfächer ausgefüttert:

Werkfoto: Ausfüttern des Inneren von 'Kontrafaktur' (2021)

Und wer hat nun gewonnen? In diesem Jahr gab es sieben Preise. Den Staatspreis erhielten Jiun-You Ou (Master of Fine Arts in Gemstones and Jewellery), Julia Saffer (staatl. geprüfte Keramikgestalterin) und Dorothee Wenz (Keramikkünstlerin). Den Förderpreis für junge Leute erhielten Philipp Munsteiner (Edelsteinschleifer in Ausbildung), Jakob Waffender (Schreiner) und Luisa Werner (Schmuckgestalterin). Den Preis des Handwerks erhielt Philipp Gröninger (Gold- und Silberschmiedemeister).
Die Seite des Wilhelm-Hack-Museums zur Ausstellung enthält alle nötigen Infos, falls Sie einmal hingehen möchten. Die pdf-Version des Katalogs und Fotos der Ausstellung/Preisverleihung sind jetzt online verfügbar.

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24/01/2022

Fenstersterne im Januar

 

Gibt es bei Ihnen schönes Winterwetter, so mit blauem Himmel und weißer Schneedecke? Bei uns in Koblenz ist der Winter für gewöhnlich grau, mit Hochnebel oder gern auch Tiefnebel, und manchmal wird es den ganzen Tag nicht so richtig hell. Das ist die Zeit für bunte Fenstersterne! Diese hier habe ich zu meinem Privatvergnügen als Fingerübung gefaltet:

Blauer Fensterstern mit 11 Strahlen
Roter Fensterstern mit 14 Strahlen
Gelber Fensterstern mit 12 Strahlen

Wenn Sie ihr Fenster auch mit solchen Sternen schmücken wollen, finden Sie Bezugsquellen und mehr Informationen unter www.fensterstern.de. Ich habe die 'Wundervollen Fenstersterne' aus Pergaminpapier gefaltet. Alternativ gibt es normales Transparentpapier in jedem Bastel- und Schreibwarenladen und Anleitungen zuhauf im Internet.

Schwarzweiße Katze schläft in einem Sessel
Die Werkstattkatze empfiehlt übrigens, das trübe Winterwetter weiträumig zu umschlafen.

 

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