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21/10/2024

De glutinum von der Rolle: Klebebänder

In meinem allerersten Bastelbuch*, das ich schon hatte, bevor ich überhaupt lesen konnte, steht zum Thema Klebebänder: "Ihr wisst, wie sie einen ärgern können, weil sie oft viel zu rasch irgendwo festkleben." Das ist nur zu wahr!

Generell gilt ja: Je mehr Wasser in einem Klebstoff ist, desto leichter und länger lässt sich die Klebung korrigieren. Wie wir schon gesehen haben, kann man mit Kleister verklebtes Papier sehr lange und mühelos neu positionieren. Bei Tesafilm & Co. geht das überhaupt nicht, es sei denn, man hat ein wieder ablösbares Klebeband.

Wenn überhaupt, so wird Tesafilm in der Buchbinderei nur dazu verwendet, einen flotten Spruch an die Kühlschranktür zu kleben. Es wird niemals, niemals, niemals zur Buchreparatur verwendet! (Und das sollten Sie auch nicht tun.) Warum? Solche Klebefilme sind nur zum zeitlich begrenzten Zusammenkleben von relativ wertlosen Materialien gedacht, zum Beispiel beim Verpacken von Geschenken in Geschenkpapier. Gewöhnliche Klebefilme altern schnell. Wieder ablösbare Varianten können schon nach ein paar Wochen einen Schatten auf dem Papier hinterlassen, wo sie geklebt haben. Ursprünglich dauerhaft klebender Film löst sich nach einigen Jahren ab und hinterlässt hässliche Flecken auf dem Untergrund. Deshalb verwenden Profis Klebebänder in Archivqualität, beispielsweise filmoplast. Archivqualität bedeutet, dass das Band säurefrei ist und weder altert noch das Material beschädigt, auf dem es klebt. Filmoplast gibt es in Spezialgeschäften und natürlich online (einfach die Suchmaschine fragen). Es gibt unterschiedliche Stärken und Größen, von dünnem filmoplast P zum Ausbessern eingerissener Papierseiten bis zu dem schweren Textilklebeband filmoplast T.

Wenn Sie schon von Scrapbooking gehört haben oder es sogar selbst praktizieren, wissen Sie, dass auch dort Archivqualität ein großes Thema ist. Alles, was verarbeitet wird, sollte säurefrei und alterungsbeständig sein und die verwendeten Fotos nicht beschädigen. Denn man will ja Erinnerungsalben herstellen, die auch zukünftige Generationen noch bewundern können. Man kann von Scrapbooking halten, was man will (ich halte es für eine Gelddruckmaschine), aber seit es das gibt, kann man in wirklich jedem Bastelgeschäft ganz einfach Materialien in Archivqualität kaufen und muss nicht mehr zum Spezialisten: Zum Beispiel säurefreies doppelseitiges Klebeband.

Doppelseitiges, säurefreies Klebeband wird im Gegensatz zu Tesafilm in der Buchbinderei oft und gerne verwendet – wenn auch nicht von allen. Wenn man relativ kleine Stücke Papier schnell, dauerhaft und ohne Zufuhr von Feuchtigkeit an Papier oder Pappe ankleben möchte, ist dieses Klebeband das Mittel der Wahl. Man sollte nur darauf achten, ein Klebeband in guter Qualität zu verwenden und es in einer verschlossenen Tüte lagern, denn das Band zieht Staub und Flusen an, die dann an der Rolle festkleben.

Auch doppelseitiges Klebeband kann einen ärgern, weil es oft viel zu rasch irgendwo festklebt. Aber dagegen gibt es einen Trick, den ich einst in einem britischen Buch gefunden habe und der aus einer Zeit stammt, da die Mediengestalter noch mit Papier und Klebeband gearbeitet haben. Will man beispielsweise ein Papierschildchen ankleben, so bringt man auf dessen Rückseite vier Streifen doppelseitiges Klebeband entlang der Kanten an und zieht das Trägerpapier von jedem Streifen etwa zur Hälfte ab. Die lose Hälfte knickt man so um, dass sie über die Kante heraussteht. Jetzt kann man das Schildchen umdrehen und in Ruhe positionieren und geraderücken, ohne dass es gleich festklebt. Wenn alles gut sitzt, ein Trägerpapier nach dem anderen am überstehenden Ende fassen und abziehen. Dabei das Schildchen gut festhalten, damit sich nichts verschiebt. Das funktioniert mit einiger Übung wunderbar!

Ein weiteres Helferlein in der Buchbinderei ist Kreppband (Malerkrepp, neudeutsch auch masking tape). Da es sich leicht und ohne den Untergrund zu beschädigen wieder ablösen lässt, macht es sich nützlich beim temporären Befestigen, Zusammenhalten und Markieren von Material. Mit Betonung auf 'temporär', denn genau wie Tesafilm & Co. altert auch normales Kreppband schnell und entwickelt dann ziemlich hässliche Eigenschaften. Ich habe einmal zu Dekorationszwecken ein Fenster mittels Malerkrepp in ein Sprossenfenster verwandelt. Der Effekt hat mir so gut gefallen, dass ich das Kreppband viele, viele Wochen auf der Scheibe habe kleben lassen. Weitaus weniger gut hat es mir gefallen, dass das Kreppband nach dieser Zeit überhaupt nicht mehr abging und ich jeden einzelnen Zentimeter mühsam mit dem Messer von der Scheibe kratzen musste!

Um die Klebstoffgeschichten nun würdig abzuschließen, hier noch ein letzter Tipp, der so offensichtlich ist, dass man selbst hätte draufkommen können: Wer kleine Stücke schwächer klebenden Kreppbands für besonders empfindliche Untergründe benötigt, kauft keine spezielle Rolle sondern nimmt normales Kreppband, klebt es auf seine Jeans oder einen anderen robusten, nicht-fusselnden Stoff und zieht es wieder ab. Voilà, Kreppband für empfindliche Untergründe!

*Ulla Leippe, Was Kinder gerne basteln, Humboldt-Taschenbuchverlag, München, 1971, Zitat auf Seite 113

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

22/07/2024

De glutinum Leim und Dispersionsklebstoff

Früher hat es in den Buchbindereien ganz charakteristisch gerochen (manche behaupten sogar, es hat gestunken). Das kam vom Leimtopf, der auf einer Warmhalteplatte auf seinen Einsatz gewartet hat. Darin war ein Glutinleim, meistens Knochenleim, und der war genauso unvegan, wie er sich anhört.

Über Knochenleim gibt es die tollsten Anekdoten, beispielsweise wie sich die Leute damit regelmäßig, aber unfreiwillig, die Finger zusammengeklebt und die Kleidung versaut haben. Auch gab es Buchbinderschürzen, an denen man sich die Finger abwischen konnte, die dann nach einer Weile von den Leimspuren so steif wurden, dass sie von alleine stehen konnten. All das habe ich allerdings nie selbst erfahren, denn ich wollte vegan arbeiten, und da kommt keinerlei Glutinleim in Frage.

Glutinleime gibt es schon sehr, sehr lange. Vermutlich haben bereits die alten Sumerer* aus Tierhäuten Leim produziert. Im Alten Ägypten wurde er in der Möbelherstellung verwendet, ebenso bei den Alten Griechen und Römern. Im Mittelalter haben die glutinatores damit gearbeitet (das waren die Buchbinder in den Klöstern), und im Musikinstrumentenbau ist er bis heute unverzichtbar. Eigentlich überall, wo es etwas zu kleben gab und die Klebkraft von Kleister nicht ausreichte, kam bis in die 1950er Jahre der Glutinleim zum Einsatz. Dann wurde Dispersionsklebstoff erfunden, der sehr viel einfacher zu verarbeiten ist.

Glutinleim kauft man in Form von Granulat, das erst einmal über Nacht in Wasser eingeweicht werden muss. Am nächsten Tag muss man den Leim erhitzen (aber nur bis 65 Grad) und warmhalten, denn er lässt sich nur in warmem Zustand verarbeiten. Das ist vergleichsweise umständlich, bringt aber Vorteile, die besonders bei Restaurierungen und – wie gesagt – im Musikinstrumentenbau geschätzt werden. Zum einen ist Glutinleim frei von Kunststoffverbindungen und hält auch ohne Konservierungsstoffe ewig. Es sind keine Lösungsmittel darin, der Leim ist pH-neutral und zu 100% biologisch abbaubar. Zum anderen klebt der Leim dauerhaft und stark. In den Pharaonengräbern hat man verleimte Holzmöbel gefunden, die heute immer noch halten. Und was das Wichtigste ist: Die Klebeverbindungen sind reversibel und lassen sich auch nach hunderten von Jahren ohne Schaden wieder lösen, einfach durch Anfeuchten und Erwärmen.

Wenn man sich anschaut, aus was dieser Leim besteht, wird klar, warum er so naturnah ist. Unter dem Oberbegriff Glutinleim werden zusammengefasst: Kochenleim (meistens aus Schweineknochen), Hautleim (aus Tierhäuten), Hasenleim (aus den Häuten von Hasen und Kaninchen), den schon aus der letzten Klebstoffgeschichte bekannten Fischleim (aus Fischgräten und -haut) und – der Kaviar unter den Glutinleimen – Hausenblasenleim aus der Schwimmblase des Beluga-Störs. Die Verwendung dieser Leime ist keineswegs auf die Musik-, Kunst- und Kunsthandwerkersphären begrenzt. Für mich überraschend war, dass Zündköpfe von Streichhölzern Hautleim als Bindemittel enthalten. Streichhölzer sind also nicht vegan.

Während die Traditionalisten und Restauratoren unter den Buchbindern immer noch mit Glutinleimen arbeiten, sind die meisten anderen auf wasserbasierte Dispersionsklebstoffe umgestiegen. Diese sind ein Produkt der Petrochemie, also erdölbasiert, was ich in diesem Fall akzeptabel finde, denn die Alternative wäre einer der gerade genannten Leime aus tierischen Nebenprodukten unbekannter Herkunft und ebenso unbekannten – und möglicherweise untragbaren – Haltungsbedingungen.

Für die Buchbinderei geeignete Dispersionsklebstoffe sind PVA- und EVA-Klebstoffe. PVA steht für Polyvinylacetat. PVA-Kleber klebt stark, bleibt nach dem Trocknen flexibel, ist sowohl für die manuelle als auch für die maschinelle Verarbeitung geeignet und sehr einfach anzuwenden: Deckel auf, umrühren, gegebenenfalls mit destilliertem Wasser verdünnen und auftragen. PVA-Kleber gibt es als 'normalen' Bastelleim, Profi-Buchbinderleim (ich habe Planatol BB), Holzleim (z.B. Ponal, der sich aber nur für Holz und nicht für das Buchbinden eignet, da er beim Trocknen zu unflexibel wird**) und, speziell für Restauratoren, reversiblen (lösbaren) PVA-Kleber.

Manche finden, dass PVA-Kleber ein bisschen chemisch müffelt. Denen empfehle ich EVA (Ethylen-Vinylacetat)-Kleber, der von Restauratoren bevorzugt wird, weil er keine Dämpfe emittiert, pH-neutral ist und genauso stark klebt und flexibel bleibt wie PVA-Kleber. Wenn Sie den einmal ausprobieren möchten: UHU Bastelkleber lösungsmittelfrei in der 90g Standtube hat eine Ethylen-Vinylacetat-Basis und ist problemlos im Supermarkt erhältlich.

Dispersionsklebstoffe benutzt man in der Buchbinderei zum Ableimen des Buchrückens, zum Kleben von Pappe auf Pappe beim Schachtelbau, für die Klebebindung und überall, wo eine starke Klebkraft gebraucht wird. Wer keinen reversiblen Klebstoff hat, muss aber aufpassen, dass der Klebstoff nicht auf dem Pinsel eintrocknet. Getrockneten Dispersionsklebstoff bekommt man schwer bzw. gar nicht wieder herausgewaschen. Da Dispersionsklebstoffe zwar farblos aber glänzend trocknen, sind auch eventuelle Kleckse auf dem Werkstück später so richtig schön auffällig und sollten daher sofort mit einem feuchten Lappen, Schwammtuch oder Ähnlichem abgewischt werden.

*Exkurs: Es ist erstaunlich, was die Sumerer alles erfunden haben. Von der Schrift und Arithmetik über Seife, heiße Würstchen und Bier, die Bürokratie bis hin zu künstlicher Bewässerung (und den daraus resultierenden Problemen) ist vieles dabei, was auch heute noch Teil unseres Lebens ist. Vielleicht haben die Sumerer das alles auch nicht selbst erfunden, aber sie waren die ersten, die davon schreiben konnten, so dass man es Jahrtausende später noch nachlesen kann. Vorausgesetzt, man kann Keilschrift lesen. Ja, frühe Hochkulturen sind spannend!

**Noch ein Exkurs: Ich habe schon in der letzten Klebstoffgeschichte geschrieben, dass grundsätzlich der Klebstoff der richtige ist, mit dem man gut arbeiten kann und der einem vertraut ist. In ihrem Buch 'Bücher binden' (2021, Haupt Verlag Bern) schreibt die schwedische Buchbinderin Monica Langwe beispielsweise, dass sie mit einem Holzleim arbeitet, obwohl es natürlich auch in Schweden Profi-Buchbinderleime gibt. Aber diesen speziellen Holzleim kennt sie seit ihrer Ausbildung, er ist leicht zu bekommen, funktioniert für sie und passt zu ihrer Arbeitsweise. Never change a winning team.

Woher ich das alles weiß:
In mittlerweile 13 Jahren Erfahrung mit Buchbinden habe ich so einiges an Wissen angesammelt. Zusätzlich habe ich für diesen Beitrag folgende Quellen konsultiert, wo es auch weiteres Hintergrundwissen für Interessierte gibt.
Allgemeine Übersicht über Glutinleime: https://de.wikipedia.org/wiki/Glutinleim
Für Laien sehr chemielastige Ausführungen über Dispersionsklebstoffe: https://de.wikipedia.org/wiki/Klebstoff#Dispersionsklebstoffe
Mehr zu den unterschiedlichen Glutinleimen, die man auch dort kaufen kann:
https://www.antikebeschlaege.eu/restaurierbedarf/leime/natuerliche-leime/
https://knochenleim.de/Was-sind-Glutinleime/
https://www.feinewerkzeuge.de/G10008.html

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

27/05/2024

De glutinum Kleister

In der letzten Klebstoffgeschichte haben wir gesehen, dass wasserhaltiger Klebstoff auf Papier dazu führt, dass man sich plötzlich mit der Laufrichtung, der Dehnung und dem Zug von Papier auseinandersetzen muss. Warum verwendet man dann überhaupt Kleister & Co. und nimmt nicht einfach Klebestift, Alleskleber oder Sprühkleber? Nun, tatsächlich kennen Profis Situationen, in denen es nichts besseres gibt als Kleister.

Buchbinder haben schon immer mit Kleister gearbeitet, denn er ist leicht verfügbar und unschlagbar billig. Man kann ihn aus gewöhnlichem Stärkemehl und kochendem Wasser sogar selbst herstellen. Wer nicht seinen eigenen Kleister kochen möchte, kann heutzutage Kleisterpulver aus Weizenstärke oder Methylcellulose zum Anrühren in kaltem Wasser kaufen, was nur einen Bruchteil von dem kostet, was man für andere Klebstoffe bezahlen muss. [Eine Anmerkung: Kleisterpulver aus Weizenstärke gibt es u. a. von der Schweizer Firma blancol als Fisch-Kleister. Der heißt aber nur so; vermutlich weil man beim Hersteller mit Sitz direkt am Zürichsee dachte, das sei doch ein hübscher passender Name. Wer vegan arbeiten will, muss hier aufpassen, denn es gibt auch einen Fischleim (engl. fish glue), der sehr wohl aus Teilen von Fischen gemacht wird.]

Neben der Tatsache, dass er die Werkstattkasse schont, hat Kleister aber auch Vorteile in der Verarbeitung. Er lässt sich mit dem Pinsel sehr leicht dünn und gleichmäßig verstreichen, auch auf großen Flächen und auf sehr dünnem Papier. Eventuelle Flecken kann man einfach mit einem feuchten Lappen spurlos abwischen. Übersehene Flecken trocknen farblos und vor allen Dingen matt auf, fallen also nicht so auf. Später lässt sich eine Klebung mit Kleister jederzeit wieder lösen, einfach mit Wasser. Kleister trocknet langsam und es dauert eine Weile, bis er anfängt, eine feste Verbindung zwischen den geklebten Materialien zu erzeugen. Das heißt, man kann in aller Ruhe sein Papier positionieren. Sitzt es doch nicht richtig, kann man es sogar ohne Schaden gleich wieder abziehen und neu aufkleben. Das ist nicht nur beim Tapezieren von Vorteil. Auch Buchbinder schätzen es, viel Zeit zu haben, um ein auf ein Stück Pappe geklebtes Papier glattzustreichen, um die Pappkante zu schlagen und schöne Ecken zu machen. Man muss nicht befürchten, dass der aufgetragene Kleister eintrocknet, bevor man fertig ist.

Klebestift, Alleskleber oder Sprühkleber können das nicht leisten. Alleskleber lässt sich nicht gut verstreichen, stinkt dabei und trocknet zu schnell. Ein Klebestift gibt einem nach dem Auftragen ganze 45 Sekunden bis der Kleber aushärtet (siehe technisches Dokumentationsblatt hier). In dieser Zeit kann man vielleicht Etiketten ankleben, aber nicht viel mehr. Und Sprühkleber ist meines Wissens überhaupt nicht für das Buchbinden geeignet, verursacht Kopfschmerzen und Übelkeit und lässt sich nicht punktgenau auftragen.

Aber natürlich hat Kleister neben den unbestreitbaren Vorteilen auch eine ganze Reihe von Nachteilen, der hohe Wassergehalt beispielsweise. Mit Kleister geklebte Stücke sind sehr feucht und müssen lange trocknen. Verwendet man Kleister beim Verbinden der Einbanddecke mit dem Buchblock, muss man gut aufpassen, dass die Feuchtigkeit nicht in den Buchblock dringt, denn sonst gibt es Wellen oder gar Wasserränder.

Kleister ist ein naturnahes Produkt. Das ist zwar gut für die Umwelt, aber er hält nicht lang. Besonders selbst gekochter Kleister wird schnell schlecht. Im Kühlschrank ist er abgedeckt etwa 2 Wochen haltbar. Und es gibt da gewisse Tierchen, die finden getrockneten Stärkekleister einfach lecker.

Die Klebkraft von Kleister ist eher auf der schwachen Seite. Stärkekleister eignet sich gut für dünnes Papier, das Verkleben von stärkerem Papier erfordert schon eine Beimischung von Dispersionskleber. Reine Methylcellulose klebt noch etwas schwächer. In der Buchbinderei verwendet man Methylcellulose darum gar nicht zum Kleben, sondern zum Füllen von Unebenheiten, zur Herstellung von Kleisterpapieren und zum Aufweichen von wasserlöslichen alten Kleberesten, Etiketten usw. Methylcellulose ist ideal dafür geeignet, da sie viel Wasser enthält, das nur sehr langsam abgegeben wird. Angerührte reine Methylcellulose wird nach ein paar Monaten schlecht, weswegen man keine großen Mengen vorbereiten sollte. Ich empfehle immer nur ein kleines bis sehr kleines Schraubglas voll anzurühren (mit destilliertem Wasser, leicht erhältlich z.B. beim dm-Markt) und das verschlossene Glas mit Datumsetikett im Kühlschrank aufzubewahren.

Wenn Sie nun wissen möchten, mit welchem Kleister ich arbeite: Ich persönlich verwende gar keinen Kleister – er ist mir einfach zu nass. Bei allen Arbeiten, bei denen Papier oder Buchgewebe aufgeklebt wird, benutze ich mit etwas destilliertem Wasser verdünnten Planatol Elasta N. Das ist ein Profi-Buchbinderleim, der einer Mischung aus Kleister und Dispersionskleber entspricht. Bei sonnigem Hochsommerwetter muss man sich damit etwas beeilen, aber ansonsten klebt er ausgezeichnet, lässt sich leicht verstreichen, wird nicht schlecht, zieht keine Insekten an und die Klebung bleibt flexibel und altert nicht.

Beim Kleben ist neben der Frage der grundsätzlichen Eignung viel von der eigenen Erfahrung und den eigenen Vorlieben abhängig. Eine von mir sehr geschätzte Buchbinderkollegin z.B. kann mit Planatol Elasta N nicht viel anfangen – er passt nicht zu ihrer Arbeitsweise. Der Klebstoff, mit dem man gut arbeiten kann und der einem vertraut ist, ist der richtige.

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22/04/2024

De glutinum Exkurs

Hilfe, mein Papier wellt sich!

Hier kommt nun die andere Geschichte, die das nächste Mal erzählt werden sollte. Es ist eine lange Geschichte, also holen Sie sich erst einmal etwas zu Trinken...

Wenn Sie je ein Stück Papier oder sehr dünnen Karton irgendwo angeklebt und nicht gerade Alleskleber verwendet haben wie ich damals als bastelndes Kind, kennen Sie das bestimmt: Das Papier fängt an, sich mehr oder minder stark zu wellen oder die Ecken einzurollen. Außerdem wird es weich. Das ist ganz normal und liegt daran, dass jeder Kleber, der keine stechenden Dämpfe entwickelt, Wasser als Lösungsmittel enthält. Die klebenden Bestandteile müssen ja in einer Substanz gelöst sein, die nach dem Auftragen eintrocknen kann, wodurch der Kleber fest wird.

Wie viel Wasser in einem Klebstoff steckt kann sehr unterschiedlich sein. Ein Klebestift beispielsweise enthält sehr wenig, in Kleister ist dagegen sehr viel Wasser. Und auch Papier reagiert unterschiedlich auf ein Anfeuchten durch Klebstoff. Es gibt Papiersorten, die werden sofort sehr weich, reißen ein oder fangen gar an, sich aufzulösen. Andere sind da robuster, rollen sich aber vielleicht sofort zu einem Rohr zusammen. Wieder andere lassen sich auch durch die größte Feuchtigkeit nicht beeindrucken und bleiben flach.

Woher kommt das? Papier besteht aus vielen kleinen Fasern. So gut wie alle Papiere bei uns werden industriell auf großen Maschinen hergestellt. Bei solchen Papieren sind die Fasern alle schön ordentlich nebeneinander angeordnet und zeigen in die gleiche Richtung. Das kann man sich vorstellen wie eine Bambusmatte oder ein Floß aus Baumstämmen, nur eben sehr viel kleiner. Die Richtung, in die die Fasern zeigen, nennt man die Laufrichtung des Papiers. Diese Laufrichtung ist wichtig beim Kleben und deshalb muss man herausfinden, wie sie verläuft.

Eine Bambusmatte können Sie nur in eine Richtung aufrollen, nämlich so, wie die Stäbe liegen. Ein Blatt Papier können Sie dagegen sowohl in die Laufrichtung der Fasern als auch dagegen aufrollen, aber gegen die Laufrichtung gibt es mehr Widerstand. Das können Sie selbst ausprobieren: Nehmen Sie sich ein Blatt Druckerpapier im Format DIN A4 und biegen Sie es. Wenn Sie die beiden langen Seiten aufeinander zubewegen, biegen Sie das Blatt in der Laufrichtung und spüren wenig Widerstand. Bewegen Sie die beiden kurzen Seiten aufeinander zu, spüren Sie mehr Widerstand, denn jetzt biegen Sie gegen die Laufrichtung. Das kann man mehrmals hintereinander machen, dann fühlt man den Unterschied besser. Wenn Sie noch nichts fühlen können, probieren Sie es mit einem dickeren und festeren Papier, da sind die Unterschiede deutlicher. Und wenn Sie sich fragen, woher ich weiß, wie die Laufrichtung bei Ihrem Papier ist: Bei Druckerpapier und anderem Papier im Format DIN A4 verläuft die Laufrichtung für gewöhnlich parallel zu den langen Seiten.

Wenn nun die Feuchtigkeit eines Klebstoffs auf das Papier trifft, quellen die Papierfasern auf und werden dicker. Unser Blatt DIN A4 Papier mit Laufrichtung parallel zu den langen Seiten ist dann immer noch 29,7 cm hoch aber nicht mehr genau 21 cm breit. Bei kleinen Papierstückchen merkt man dieses Dicker-Werden nicht so sehr, aber größere Stücke muss man schon manchmal um einige Millimeter schmaler zuschneiden, damit es nach dem Ankleben passt. Buchbinderinnen und Buchbinder nennen das Dehnung und müssen durch Erfahrung lernen, wie stark sich ihr Material beim Kleben dehnt und ab wann man es schmaler zuschneiden muss.

Dass sich Papier beim Kleben wellt und einrollt, kommt daher, dass der Klebstoff nur auf einer Seite des Papiers aufgetragen wird. Die Fasern auf dieser Seite des Papiers werden dicker, während die Fasern auf der anderen Seite noch trocken und dünner sind. Diese einseitige Ausdehnung bewirkt das Einrollen. Übrigens: Sollten Sie es einmal nicht schaffen, die Laufrichtung eines Papier zu bestimmen, so geht das ganz einfach, wenn man ein kleines Reststück davon einseitig anfeuchtet. Das Papier wird sofort beginnen, sich einzurollen. Schauen Sie in Gedanken durch das sich formende Rohr und Sie sehen in die Laufrichtung des Papiers.

Sich wellendes oder einrollendes Papier kann man unbesorgt aufkleben, denn die Wellen verschwinden, sobald man das Papier glatt gestrichen hat. Haben Sie aber Papier auf ein anderes Papier oder einen eher dünnen Karton geklebt, können Sie bald Folgendes beobachten: Das mit Papier beklebte Material biegt sich deutlich erst in eine Richtung, wird nach einer Weile wieder flach, und biegt sich dann allmählich in die entgegengesetzte Richtung. Das kommt daher, dass die Feuchtigkeit aus dem Kleber langsam das Papier durchdringt. Ist sie auf der Rückseite angekommen, sind alle Fasern dicker geworden und das Papier hat sich insgesamt ausgedehnt und wellt sich nicht mehr. Beim Trocknen werden die dicker gewordenen Papierfasern wieder dünner. Da sie aber festgeklebt sind, können sie sich nicht mehr frei bewegen und ziehen am anderen Material, was es verformt. Voilà, das Geheimnis der krummen und verbogenen Bastelarbeiten!

Buchbinder und Buchbinderinnen nennen das Zug und wissen auch, was man gegen die Verformungen unternehmen kann. Zunächst muss man wissen, dass unterschiedlich dicke Papiere auch unterschiedlich starken Zug entwickeln. Dann: Je mehr Wasser im Kleber war, desto stärker wirkt sich der Zug aus. Und schließlich: Je dünner das Material, auf dem das Papier klebt, desto eher sieht man eine Verformung.

Im Grunde genommen helfen drei Dinge.
1. Zug mit Gegenzug neutralisieren: Auf die Rückseite des beklebten Materials wird ein Papier aufgeklebt, das einen genauso starken Zug entwickelt. Das muss nicht dasselbe Papier sein wie auf der Vorderseite, sollte aber die gleiche Grammatur haben, also genauso dick und fest sein. Zum Finden einer geeigneten Alternative muss man vielleicht ein paar Versuche machen, indem man Probestücke beklebt. Nach dem völligen Durchtrocknen muss das Probestück flach liegen, dann ist der Zug durch einen Gegenzug neutralisiert.
2. Laufrichtung beachten: Das alles funktioniert nur, wenn das Papier auf der Vorderseite, der beklebte Untergrund und das Papier auf der Rückseite die gleiche Laufrichtung haben. Wurde ein Teil versehentlich gedreht, so dass nicht bei allen die Fasern in die gleiche Richtung zeigen, erhält man am Ende etwas, das einem Schuhlöffel gleicht. Und den bekommt man nicht flach, egal was man macht.
3. Unter Druck trocknen lassen: Wenn Sie eine flache Pappe beklebt haben, also vielleicht ein Bild, ein Schild oder eine Buchdecke, müssen sie das alles unter Druck trocknen lassen, damit sich nichts verbiegen kann. Dazu packt man das fertig beklebte Stück zwischen zwei saubere, trockene Pappen und stellt etwas Schweres oben drauf, vielleicht ein großes Buch oder ein Gewicht (ich habe mehrere alte boesner-Kataloge, die sind schön schwer). Das lässt man am besten über Nacht ganz durchtrocknen.
Das muss man nicht tun, wenn man beispielsweise eine Schachtel beklebt hat. Bei einer Schachtel entwickelt das Bezugspapier den Zug, das Futter sorgt für den Gegenzug, und die Schachtelseiten halten sich gegenseitig fest, so dass sich nichts verbiegen kann.

Wie kommt es aber, dass sich manches Papier überhaupt nicht rollt oder wellt, wenn es angefeuchtet wird? Das ist dann entweder ein handgeschöpftes Papier oder ein maschinell hergestelltes Papier, das sich wie ein handgeschöpftes verhält. Bei handgeschöpftem Papier liegen die Fasern nicht ordentlich nebeneinander, sondern wild durcheinander und deshalb gibt es keine Laufrichtung. Ohne Laufrichtung werden die Fasern zwar auch dicker, wenn sie feucht werden, aber da alle durcheinander liegen ist die Ausdehnung regelmäßig, wodurch das Papier flach liegen bleibt. Das wird Ihnen nicht oft begegnen, es sei denn Sie arbeiten mit Büttenpapier oder Japanpapier.

Zum Schluss dieses sehr langen Blogbeitrags mit geballtem Buchbinderwissen noch zwei Tipps.

Wenn Sie einmal ein Papier kleben möchten, dass sich besonders heftig einrollt, so hilft es, die Rückseite leicht zu befeuchten bevor man den Kleber aufträgt. Probieren Sie aber zuvor an einem Reststück aus, ob das Papier das verträgt. Efalin und Elefantenhaut kann man beispielsweise eine halbe Stunde vorher unter feuchte Schwammtücher legen.

Wenn Sie gar keine Lust haben, sich mit den Widrigkeiten des Klebens herumzuschlagen, benutzen Sie säurefreies doppelseitiges Klebeband. Das ist bei manchen Papieren (z.B. Transparentpapier) die einzige Möglichkeit, sie sauber zu kleben. Doppelseitiges Klebeband ist keineswegs eine Notlösung für Dummies. Es wird auch von Profis geschätzt, denn es bietet beachtliche Vorteile: Die Klebestelle bleibt trocken und ist sofort belastbar, nichts wellt oder verzieht sich, und Sie müssen eigentlich noch nicht einmal auf gleiche Laufrichtungen achten. Aber wie so oft ist auch hier nicht ein Kleber für alle Anwendungen geeignet, weshalb es mit den Klebstoffgeschichten hier auf dem Blog auch bald weitergeht.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

08/04/2024

Glutinatrix de glutinum disputat

Perspektivische Zeichnung einer fiktiven Klosterbibliothek des frühen 14. Jahrhunderts, mit eingefügter schwarzweißer Katze. Eigenes Werk.
Die Werkstattkatze inmitten der Arbeit vieler fleißiger glutinatores. Erinnern Sie sich daran?

Ich habe Ihnen für die Zeit nach Ostern ein ureigenes Thema der Buchbinderei versprochen. Worum es heute geht, ist so grundlegend, dass die Buchbinder in den mittelalterlichen Klöstern danach benannt wurden. Dort sprach man Latein, und der Buchbinder war der glutinator. Das kommt vom Verb glutinare, was 'zusammenkleben' bedeutet. Ein Buchbinder war also ein Zusammenkleber, und auch heutzutage ist die Verwendung von Klebstoff und das Wissen um Was, Wo und Wie entscheidend für ein gutes Gelingen.

Im Mittelalter (und natürlich heute noch) gab es auch Frauenklöster. Deren Buchbinderin wäre dann wohl eine glutinatrix gewesen. Und wenn diese, so wie ich es im Begriff bin zu tun, etwas über Klebstoff erzählt hätte, hieße das: Glutinatrix de glutinum disputat. (Und jetzt wissen Sie auch, was die Überschrift bedeutet.) Klebstoff heißt auf Latein entweder glutinum (außer 'Leim' kann das auch 'Band' oder 'Verbindung' bedeuten) oder gluten ('Leim'). Ja, genau, so wie das Gluten, das Menschen mit Zöliakie das Leben schwer macht. Weswegen man es auch Klebereiweiß nennt, und es klebt tatsächlich. Wieder etwas gelernt.

Noch eine Anmerkung in eigener Sache: Ich habe zwar in einem früheren Leben einmal das Große Latinum gemacht, aber meine Lateinkenntnisse sind etwas rostig. Deshalb bin ich dankbar für die Unterstützung von Caesar auf www.frag-caesar.de, seines Zeichens "Staatsmann, Feldherr und Autor – und Hilfe beim Lateinlernen". Post mortem, versteht sich. Sollte ein Lateiner in meinem Latein Fehler finden, freue ich mich über eine Korrektur!

Nach all der Vorrede jetzt aber zu den Klebstoffen. Dazu gibt es so viel zu sagen, dass es für mehrere Blogbeiträge reicht. Zu unserer Reise in die Welt der Klebstoffe möchte ich Sie dort abholen, wo wir alle zum ersten Mal etwas geklebt haben: beim Basteln im Kindesalter.

Als ich noch klein war, war der Klebestift zwar schon erfunden, ich hatte aber nur einen lösungsmittelhaltigen Alleskleber, mit dem ich auch alles geklebt habe. Damit konnte man interessante Erfahrungen machen, wie etwa beim Weihnachtsbasteln die Farbe der Metallfolie anlösen oder von den stechenden Dämpfen Kopfschmerzen bekommen, aber das Zeug war unmöglich zu dosieren. Es kam immer eine viel zu große Menge aus Flasche oder Tube. Versuchte man das dünn zu verstreichen, war entweder der Pinsel ruiniert oder die Finger verschmiert, was der Haut auf Dauer auch nicht gut bekam. Also habe ich die Teile so aufeinander gepresst. Das Ergebnis: Der Klebstoff quoll links und rechts aus der Verbindungsstelle hervor und fertig war die Sauerei! Das kennen sicher alle Kinder, die basteln, und deren Eltern auch.

Papier aufzukleben war ganz unmöglich, ohne dass der Kleber verschmierte oder hinterher als dicker Wulst unter dem Papier sichtbar war. Irgendwann gab es dann die UHU Flinke Flasche, deren Spitze man versenken konnte, um den Klebstoff flächig aufzutragen. Aber auch das war nicht so sauber und eben auch ein Alleskleber, der nach Lösungsmittel stank.

Irgendwann hatte ich dann doch einen Klebestift, konnte aber nicht so richtig etwas damit anfangen. Der Kleber im Stift quoll zwar nicht so hervor und verschmierte alles, und wenn doch, so konnte man ihn mit einem feuchten Lappen abwischen. Aber für eine, die Alleskleber gewohnt war, klebte er nicht richtig und – was noch schlimmer war – er beschädigte das Papier. Das fing nämlich an, sich zu wellen und ganz weich und empfindlich zu werden. Und was man zusammenklebte war hinterher oft krumm und verbogen. Woran das lag und was man dagegen machen kann habe ich erst erfahren, als ich Buchbinden gelernt habe. Aber das ist eine andere Geschichte, die das nächste Mal erzählt werden soll.

 

Obwohl das Kleben so ein wichtiger Bestandteil der Buchbinderei ist, muss ich zugeben, dass es nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist. Kleben ist heikel, und auch nach Jahren der Übung kann immer noch etwas schiefgehen. Das ist besonders ärgerlich bei den letzten Schritten, weil man damit mehrere Stunden Arbeit zunichte macht. Zum einen können Klebstoffe an der falschen Stelle sehr sichtbare Flecken hinterlassen. Zum anderen reagiert jedes Material anders auf Klebstoffe. Vor allem die in der Buchbinderei verwendeten Kleister und Leime wellen und erweichen Papier noch viel schlimmer als der Klebestift aus Kindertagen. Aber als glutinatrix lernt man, mit den Fallstricken des Zusammenklebens umzugehen. Dieses Wissen möchte ich gern weitergeben, indem ich über Klebstoff erzähle.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.