Die himmlischen Heerscharen, die hier entstehen, sind echte Kinder der Corona-Pandemie, als es zu Weihnachten den Ratschlag gab, ältere Familienmitglieder nicht zu besuchen, um sie nicht der Gefahr auszusetzen, sich mit Corona anzustecken. Eigentlich sollte man damals niemanden besuchen, um ihn oder sie nicht anzustecken. In dieser Situation habe ich die Reise-Engel entwickelt, die sich gern per Post auf die Reise zu fernen Verwandten und Freunden machen, dort Lächeln auf Gesichter zaubern und positive Energien verbreiten. Das tun sie auch außerhalb von Pandemie-Zeiten ganz ausgezeichnet.
Die Reise-Engel sind so klein, leicht und flach, dass man mehrere problemlos zusammen mit einer Karte in einem Standardbrief verschicken kann. Es gibt sie zu dritt als singendes Trio oder als Solist allein auf einer Weihnachtskarte. Und ich achte auch darauf, dass das ganze Ensemble aus Engel, Karte und Briefumschlag unter dem Gewicht eines Standardbriefs bleibt. Alle Engel kann man leicht von ihrer Karte ablösen und an ihrem Faden aufhängen.
Wie es sich für Engel gehört, tragen sie ein langes Gewand und haben zwei Flügel auf dem Rücken. Manche tragen dazu eine Stola, andere eine Pelerine und wieder andere ein Jabot wie die Richter und Richterinnen am Bundesverfassungsgericht.
Dieser Engel trägt eine fein gefältelte Halskrause wie zu Zeiten der englischen Königin Elisabeth I.
Und dieser Engel erinnert mich immer an einen Chorister im weißen Chorhemd.
Was ist ein Chorister? Das sind im englischen Sprachraum die Chorknaben oder -mädchen, die im Rahmen eines Gottesdienstes (meist in einer Kathedrale) singen und dabei liturgische Gewänder tragen. Berühmt sind die (männlichen) Chorister des King's College in Cambridge. Wogegen das Merton College in Oxford weibliche Chorister hat.
Last but not least ist hier ein ganz besonderer Engel, der ein Gewand ohne Accessoires trägt, aber dafür vier Flügel auf dem Rücken hat: Das ist ein Assyrischer Engel! Das haben Sie noch nie gehört? Gibt es aber - kommen Sie mit!
Wir befinden uns jetzt im Louvre in Paris, genauer gesagt in Raum 229 im Erdgeschoss des Richelieu-Flügels. Und da an der Wand ist er, das 3,3 Meter große Vorbild für meinen Assyrischen Engel.
Das ist ein assyrischer Schutzgeist aus dem Palast von Sargon II in Dur Scharrukin (8. Jhd. vor Christus), dem heutigen Khorsabad im Irak. Er hat vier Flügel, wie es bei assyrischen geflügelten Menschenfiguren üblich ist, und steht hinter einem Lamassu (ein geflügelter Torwächter mit Menschenkopf und Stierkörper), der aufpasst, dass nichts Böses den Palast betritt. Jedes Palasttor hatte rechts und links vom Eingang je einen Lamassu und dahinter so einen Schutzgeist, damit diejenigen, die der Lamassu vorbeigelassen hat, gleich gesegnet werden. Dazu hat der Schutzgeist in der einen Hand ein Eimerchen (Situla genannt - lateinisch für 'Eimer') und in der anderen Hand einen Zedernzapfen. Wenn ich mich richtig erinnere, war in dem Eimerchen eine Art Weihwasser, in das man den Zapfen eintauchen und so die Vorübergehenden mit dem Wasser besprengen konnte.
Ist er nicht eindrucksvoll? Das sind übrigens keine Armbanduhren, die er am Handgelenk trägt, sondern Armbänder mit einer Rosette darauf. Die schicke Hörnerkrone, die ihn als Gottheit ausweist, und den Bart, der irgendwie falsch aussieht, trägt mein Assyrischer Engel nicht, sondern einen Heiligenschein wie alle anderen. Aber bestimmt hat er auch Situla und Zedernzapfen irgendwo zur Hand, damit er nicht nur singen, sondern auch Segen spenden kann.
Lamassu und Schutzgeist aus Khorsabad gibt es übrigens nicht nur im Louvre, sondern auch im British Museum zu bestaunen (in Raum 10c). Für einen virtuellen Besuch per Google Street View benutzen Sie diesen Link und Sie können an den freundlich lächelnden Lamassus und Schutzgeistern vorbeispazieren.
Kleine Anmerkung: Die Kulturschätze aus Khorsabad sind nicht als freundliche Leihgabe in London und Paris, sondern weil sich die Europäer seinerzeit an fremden Kulturgütern bedient und sie für ihre eigenen Museen eingesackt haben. Die Deutschen natürlich auch, siehe Vorderasiatisches Museum in Berlin. Aber als im März 2015 der IS zum Entsetzen der Altertumswissenschaftler damit begonnen hat, zu zerstören, was noch in Khorsabad an assyrischen Artefakten übrig war, waren die in Paris und London wenigstens in Sicherheit.