24/03/2025

Das Torii-Box-Set

Ich bin tatsächlich immer noch nicht mit den Reise-Engeln fertig, weil mir Material ausgegangen ist und ich auf eine Lieferung warte. Während die Werkstattkatze die Engel bewacht, die noch keine Karte haben, könnte ich Ihnen das Set aus drei Boxen vorstellen, das ich damals für die erste Ausstellung angefertigt habe, zu der ich wegen meines Japanschwerpunkts eingeladen wurde. Die Ausstellung hieß "Japan trifft Rheinland-Pfalz", wurde ihrerzeit in der Handwerkskammer Koblenz gezeigt und lief vom 06.04. bis 05.05.2019. Das war noch vor Corona, wie die Zeit vergeht! Aber ich bin immer noch stolz darauf, dass meine Boxen neben all den fabelhaften Werken rheinland-pfälzischer Kunsthandwerker stehen durften, ganz zu schweigen von den teils ehrfurchtgebietenden Werken der japanischen Künstler.

Mein Torii-Box-Set besteht aus drei gerändelten Kästchen mit abhebbarem Flachdeckel mit Griff und zurückgesetzten Füßen. Sie sind innen mit japanischem Satogami gefüttert und haben außen einen Bezug aus britischem Einbandgewebe und nepalesischem Lokta-Papier - man muss es ja nicht mit dem Japan-Bezug übertreiben. Dafür haben sie alle einen Griff, der der dreiteiligen Konstruktion des oberen Teils eines Torii nachempfunden ist.

Ein Torii ist ein Eingangstor zu einem Shinto-Schrein und markiert den Beginn des sakralen Bezirks. Torii sind oft in glücksverheißendem Rot angestrichen, und bestimmt haben Sie schon einmal Bilder des berühmten Torii des Itsukushima-Schreins gesehen, das im Wasser steht. Das glücksverheißende Rot für alle japanischen Schreine wird übrigens von der deutschen Firma Osmo hergestellt - das als kleiner nerd fact am Rande.

Die Torii-Boxen können sich auch nützlich machen und mit jeweils sechs Post-it Blöcken gefüllt werden. In die kleinste Box passen die Blöcke der Größe 38 x 51 mm, in die größte die der Größe 127 x 76 mm und in die mittlere passen die 76 x 76 mm großen Blöcke.

Torii-Box-Set
Pappe, Lokta-Papier, Einbandgewebe, Satogami, Acrylfarbe
8 x 6,6 cm, 6,2 cm hoch
8,9 x 8 cm, 10,5 cm hoch
14 x 8 cm, 10,5 cm hoch
Preis auf Anfrage

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

10/03/2025

Himmlische Heerscharen

Gewänder, Gesichter, Heiligenscheine und Aufhängefäden - bereit, um zu Reise-Engeln zu werden.

Die himmlischen Heerscharen, die hier entstehen, sind echte Kinder der Corona-Pandemie, als es zu Weihnachten den Ratschlag gab, ältere Familienmitglieder nicht zu besuchen, um sie nicht der Gefahr auszusetzen, sich mit Corona anzustecken. Eigentlich sollte man damals niemanden besuchen, um ihn oder sie nicht anzustecken. In dieser Situation habe ich die Reise-Engel entwickelt, die sich gern per Post auf die Reise zu fernen Verwandten und Freunden machen, dort Lächeln auf Gesichter zaubern und positive Energien verbreiten. Das tun sie auch außerhalb von Pandemie-Zeiten ganz ausgezeichnet.

Die Reise-Engel sind so klein, leicht und flach, dass man mehrere problemlos zusammen mit einer Karte in einem Standardbrief verschicken kann. Es gibt sie zu dritt als singendes Trio oder als Solist allein auf einer Weihnachtskarte. Und ich achte auch darauf, dass das ganze Ensemble aus Engel, Karte und Briefumschlag unter dem Gewicht eines Standardbriefs bleibt. Alle Engel kann man leicht von ihrer Karte ablösen und an ihrem Faden aufhängen.

Wie es sich für Engel gehört, tragen sie ein langes Gewand und haben zwei Flügel auf dem Rücken. Manche tragen dazu eine Stola, andere eine Pelerine und wieder andere ein Jabot wie die Richter und Richterinnen am Bundesverfassungsgericht.

Dieser Engel trägt eine fein gefältelte Halskrause wie zu Zeiten der englischen Königin Elisabeth I.

Und dieser Engel erinnert mich immer an einen Chorister im weißen Chorhemd.
Was ist ein Chorister? Das sind im englischen Sprachraum die Chorknaben oder -mädchen, die im Rahmen eines Gottesdienstes (meist in einer Kathedrale) singen und dabei liturgische Gewänder tragen. Berühmt sind die (männlichen) Chorister des King's College in Cambridge. Wogegen das Merton College in Oxford weibliche Chorister hat.

Last but not least ist hier ein ganz besonderer Engel, der ein Gewand ohne Accessoires trägt, aber dafür vier Flügel auf dem Rücken hat: Das ist ein Assyrischer Engel! Das haben Sie noch nie gehört? Gibt es aber - kommen Sie mit!

Wir befinden uns jetzt im Louvre in Paris, genauer gesagt in Raum 229 im Erdgeschoss des Richelieu-Flügels. Und da an der Wand ist er, das 3,3 Meter große Vorbild für meinen Assyrischen Engel.

© 1995 GrandPalaisRmn (musée du Louvre) / Hervé Lewandowski

Das ist ein assyrischer Schutzgeist aus dem Palast von Sargon II in Dur Scharrukin (8. Jhd. vor Christus), dem heutigen Khorsabad im Irak. Er hat vier Flügel, wie es bei assyrischen geflügelten Menschenfiguren üblich ist, und steht hinter einem Lamassu (ein geflügelter Torwächter mit Menschenkopf und Stierkörper), der aufpasst, dass nichts Böses den Palast betritt. Jedes Palasttor hatte rechts und links vom Eingang je einen Lamassu und dahinter so einen Schutzgeist, damit diejenigen, die der Lamassu vorbeigelassen hat, gleich gesegnet werden. Dazu hat der Schutzgeist in der einen Hand ein Eimerchen (Situla genannt - lateinisch für 'Eimer') und in der anderen Hand einen Zedernzapfen. Wenn ich mich richtig erinnere, war in dem Eimerchen eine Art Weihwasser, in das man den Zapfen eintauchen und so die Vorübergehenden mit dem Wasser besprengen konnte.

Ist er nicht eindrucksvoll? Das sind übrigens keine Armbanduhren, die er am Handgelenk trägt, sondern Armbänder mit einer Rosette darauf. Die schicke Hörnerkrone, die ihn als Gottheit ausweist, und den Bart, der irgendwie falsch aussieht, trägt mein Assyrischer Engel nicht, sondern einen Heiligenschein wie alle anderen. Aber bestimmt hat er auch Situla und Zedernzapfen irgendwo zur Hand, damit er nicht nur singen, sondern auch Segen spenden kann.

Lamassu und Schutzgeist aus Khorsabad gibt es übrigens nicht nur im Louvre, sondern auch im British Museum zu bestaunen (in Raum 10c). Für einen virtuellen Besuch per Google Street View benutzen Sie diesen Link und Sie können an den freundlich lächelnden Lamassus und Schutzgeistern vorbeispazieren.

Kleine Anmerkung: Die Kulturschätze aus Khorsabad sind nicht als freundliche Leihgabe in London und Paris, sondern weil sich die Europäer seinerzeit an fremden Kulturgütern bedient und sie für ihre eigenen Museen eingesackt haben. Die Deutschen natürlich auch, siehe Vorderasiatisches Museum in Berlin. Aber als im März 2015 der IS zum Entsetzen der Altertumswissenschaftler damit begonnen hat, zu zerstören, was noch in Khorsabad an assyrischen Artefakten übrig war, waren die in Paris und London wenigstens in Sicherheit.

24/02/2025

Kistenweise Sterne

Es hat einmal wieder länger gedauert als gedacht, aber jetzt sind alle Sterne für die nächste Weihnachtssaison gefaltet. Alle hintereinander gelegt ergeben sie eine Strecke von knapp 24 Metern; das ist so lang wie ein großer Pottwal.

Sieben Kisten und Kartons randvoll mit Sternen. Der große Ritterstern wirkt daneben schon zierlich.

Die großen und die kleinen Sterne 'Franziska' von Carmen Sprung. Die rechten Kisten gehen jeweils zur Winterausstellung nach Koblenz, die linken sind Vorrat für den Weihnachtsmarkt. Es gibt Sterne in Kupfergold und Rot, mit Schottenkaro in drei Farben, mit Schachbrettmuster, aus Kraftpapier mit Birken-Dekor, mit den Büchern aus der Klosterbibliothek in Maria Laach und - ganz neu - mit musizierenden Weihnachtsengeln.

Bei den kleinen Sternen gibt es zusätzlich solche mit rot-weißem skandinavischem Dekor oder Schokolade und Butterkeksen. Das glauben Sie nicht? Sehen Sie bei den kleinen Sternen genau hin und Sie werden die Schokoladen- und Kekssterne finden!

Kleine Sterne 'Franziska' in Rot und Kupfergold, daneben die Sterne 'Vanda', ebenfalls von Carmen Sprung.

So, und jetzt: Ran an die Reise-Engel!

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

10/02/2025

Schneekristall-Sechseck-Schachtel
(von Sweet Paper)

Auch im Februar sind wir noch nicht mit den Schneekristallen fertig, fürchte ich. Diesmal gibt es aber keine Scherenschnitte, sondern ich möchte diese schönen sechseckigen Origami-Schachteln mit eingearbeitetem Schneekristall (oder Stern) vorstellen, die ich bei Sweet Paper gefunden habe.

Zwei Schneekristall-Sechseck-Schachteln nach einer Anleitung von Sweet Paper, eine maigrün, eine weiß. Die Weiße gefüllt mit Gummibärchen.

Mein Blog ist immer noch eine standhafte valentinstagsfreie Zone, aber diese Schachteln eignen sich durchaus auch als süßigkeitengefüllte Gabe. Die Ökovital-Bären scheinen sich in der weißen Schachtel jedenfalls sehr wohl zu fühlen. Zu Ostern könnte ich mir einen Satz Schachteln in Frühlingstönen vorstellen, gefüllt mit kleinen Schokoladen- oder Marzipaneiern, beispielsweise. Und zu Weihnachten muss man diese Schachteln einfach in Gold und Weihnachtsrot machen.

Schneekristall-Sechseck-Schachtel in Weiß nach einer Anleitung von Sweet Paper, Ansicht von oben
Schneekristall-Sechseck-Schachtel in Weiß nach einer Anleitung von Sweet Paper, Ansicht von unten
Schneekristall-Sechseck-Schachtel in Weiß nach einer Anleitung von Sweet Paper, geöffnet mit Inhalt (Gummibärchen)

Eine gute Origami-Schachtel ist sowohl von außen als auch von innen schön. Diese hier habe ich aus Countryside Mistral Sunshine gefaltet, ein weißes Feinpapier (100 g/m²) mit goldenen Einschlüssen, das im Sonnenlicht schimmert. Ein Blatt der Größe DIN A4 reicht für einen Deckel und den Schachtelboden. Fortgeschrittene können auch eine zierliche Schachtel aus einem DIN A5-Blatt falten.

Schneekristall-Sechseck-Schachtel in Maigrün nach einer Anleitung von Sweet Paper, Ansicht von oben
Schneekristall-Sechseck-Schachtel in Maigrün nach einer Anleitung von Sweet Paper, Ansicht von unten
Schneekristall-Sechseck-Schachtel in Maigrün nach einer Anleitung von Sweet Paper, geöffnet, leer

Diese Schachtel besteht aus einem DIN A4-großen Stück maigrünen Tonpapier (130 g/m²). Hier sehen Sie, dass der Schachtelboden sechseckig gewölbt ist. Das sieht alles sehr anspruchsvoll aus, ist aber nicht so schwierig zu falten. Das erste Exemplar macht man dennoch am besten aus eher dünnem Schmierpapier (einfaches 80 g/m² Druckerpapier reicht), denn das Zusammenstecken ist etwas knifflig und gelingt vielleicht nicht auf Anhieb. Sobald man das Prinzip verstanden hat, wird es einfacher und man kann zum 'guten' Papier übergehen.

Die Anleitung finden Sie auf YouTube bei der Erfinderin dieser Origami-Schachtel, Yuki Honma alias Sweet Paper. Frau Honma spricht bzw. schreibt Japanisch, aber Sie können Ihrer Anleitung dennoch problemlos folgen. Alle wichtigen Angaben gibt es auch auf Englisch. Die vielen japanischen Untertitel können Sie mit Hilfe von Google Lens auf Ihrem Smartphone übersetzen, falls vorhanden; das ist aber nicht unbedingt nötig. Frau Honma zeigt alles so genau, langsam und ausführlich, dass man sehr gut zurechtkommt, wenn man einfach nur faltet, was sie vormacht. Es gibt sogar Hinweise, wann man das Video anhalten soll, um in Ruhe sich wiederholende Faltungen auszuführen, bevor es dann weitergeht.
Wenn Sie einmal auf den Geschmack gekommen sind, finden Sie bei Sweet Paper viele weitere Anleitungen für schöne und nützliche Dinge, alle sehr gut gezeigt und makellos gefilmt. Detektivarbeit, wie ich im Rahmen meines Origami-Sommers, muss man wirklich nur bei den allerfrühesten Videos leisten.

P.S.: Wenn Sie am Valentinstag einmal etwas anderes machen wollen, gehen Sie doch streiken! Und machen Sie am Wahlsonntag bitte Ihr Kreuz bei einer Partei, die den Klimaschutz ernst nimmt, ganz besonders wenn Sie Kinder und/oder Enkel haben.

Wirtschaft für Klimaschutz: Aufruf zum Klimastreik am 14.02.2025

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

27/01/2025

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten, Teil 2

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich Ihnen meine Eis- und Schneesterne vorgestellt. Hier sind sie noch einmal. Sie können die Fotos übrigens (wie alle Fotos in diesem Blog) durch Anklicken vergrößern und bei Bedarf genauer betrachten.

Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern A
Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern B
Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern C
Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern D
Scherenschnitt-Schneestern aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie vor tiefschwarzem Hintergrund mit Kiefernzweig zur Dekoration
Stern E

Es sind klassische Scherenschnitt-Sterne mit vier bis acht Spitzen, wie man sie häufig sieht. Die echten Eis- und Schneekristalle haben allerdings sechs Spitzen, denn gefrierendes Wasser bildet immer sechseckige Formen. Man kann natürlich auch Scherenschnitt-Sterne mit sechs bis zwölf Spitzen machen. Das erfordert jedoch etwas Mehraufwand und den Einsatz eines Geodreiecks.

Man nimmt dafür wieder ein Quadrat aus Papier, Bastelfolie oder Ähnlichem. Diesmal sollte es möglichst groß sein, denn das Papierpäckchen, in das man die Muster schneidet, wird dick. 21 x 21 cm ist eine gute Größe für den Anfang. Dieses Quadrat faltet man einmal diagonal zu einem Dreieck. Das Dreieck noch einmal in der Mitte zusammenfalten; das ergibt wieder ein Dreieck. Dessen obere Spitze ist ein rechter Winkel (90 Grad), der in drei gleiche Teile geteilt werden muss. Man markiert also mit Geodreieck und Falzbein (oder Prägenadel, Häkelnadel, stumpfes Messer, leerer Kugelschreiber) eine Faltlinie bei 30 Grad und eine zweite bei 60 Grad. An der ersten Faltlinie das Papier nach hinten falten und an der zweiten Faltlinie nach vorn, so dass man eine Zickzackfaltung erhält. Jetzt stehen vorn und hinten zwei Spitzen über, die man bündig mit dem mittleren Drittel abschneidet. Das ist das Papierpäckchen, in das Sie Ihre Muster schneiden können. Dazu werden Sie eine kräftige Schere brauchen; feine Scheren kommen da an ihr Limit.

Wenn Sie mir bis hierhin folgen konnten, können Sie sicher nachvollziehen, warum man Scherenschnittsterne mit sechs Spitzen eher nicht in Kindergärten und Grundschulen sieht. Haben Sie nur Bahnhof verstanden, so gibt es bei Sibylle Hitz eine bebilderte Anleitung. Und wo Sie schon einmal dort sind, sehen Sie sich die wunderbar filigranen Sterne an, die Frau Hitz an ihr Fenster geklebt hat. Alle mit sechs oder zwölf Spitzen, also aus einem doch sehr steifen zwölflagigen Papierpäckchen geschnitten - Respekt und Hut ab!

Weißer Scherenschnitt-Schneestern auf einer hellgrauen Schneidematte

Hier ist mein Versuch, eine 'anatomisch korrekte' Version von Stern A mit sechs Spitzen zu machen. Meine Schere war nicht die richtige für diese Arbeit und die Papierlagen sind verrutscht ...

Wenn Sie es besser machen wollen, finden Sie hier die Mustervorlagen für meine Sterne A bis E, sowohl für die klassische Version (obere Reihe), als auch für 'echte' Eiskristalle mit sechs Spitzen (untere Reihe). Dafür habe ich die ursprünglichen Muster in Photoshop Elements von 45 Grad auf 30 Grad zusammengeschoben. Ich sagte ja, Eis- und Schneesterne sind angewandte Geometrie! Im Experten-Modus funktioniert das mit dem Befehl Bild --> Transformieren --> Frei transformieren. Zuvor kann man sich mit dem Linienzeichner eine Hilfslinie im passenden Winkel ziehen.

Da ich meine Scherenschnitt-Sterne nun damit schon digitalisiert habe, könnte ich als Nächstes versuchen, sie vom Schneideplotter ausschneiden zu lassen. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll, am besten in der Vorweihnachtszeit.

P.S.: Sie fragen sich, ob ich denn überhaupt noch 'richtige' Buchbindearbeiten herstelle? Natürlich, denn - Psst! - nach dem Staatspreis ist vor dem Staatspreis!

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.

13/01/2025

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten

Willkommen zurück und ein gutes neues Jahr!

Als Kunsthandwerker*in mit saisonaler Ware hat man die Wahl, entweder gegen die Jahreszeit zu arbeiten oder mit ihr. Ersteres bedeutet, im Sommer an der Weihnachtsware zu sitzen und im Herbst an der Osterware, falls man so etwas hat. Im Sommer bei bestem Licht und Hitzewelle die Engel jauchzen und frohlocken zu lassen ist schon merkwürdig. (Obwohl Engel sicher zu jeder Jahreszeit jauchzen und frohlocken, wenn es einen Anlass gibt.) Ich persönlich möchte das beste Licht und die langen Tage lieber für die komplizierten Arbeiten und Wettbewerbsexponate nutzen, also arbeite ich mit der Jahreszeit und produziere meine weihnachtlichen Werke im Winter, ein Jahr im Voraus. Man könnte natürlich auch zeitig im Herbst anfangen wie die Supermärkte mit ihren Lebkuchen Ende August, aber da werde ich nie rechtzeitig fertig und dann wird es stressig.

Bei mir gilt deshalb 'Nach Weihnachten ist vor Weihnachten', was auch den angenehmen Effekt hat, dass man im kalten und dunklen Januar nicht in ein ebenso geartetes Loch fällt, das man dann mit dem Buchen des Sommerurlaubs und Kaufen von absolut nicht nachhaltigen Treibhaustulpen füllen muss.

Es sind also gerade Engel und Sterne angesagt. Die Engel haben Sie bestimmt schon gesehen, die Sterne kennen Sie auch, aber was ist mit dem jahreszeittypischen Phänomen der

Eis- und Schneesterne

Sie sind im Winter allerorten, und kein Kreativblog kommt ohne sie aus, wie mir scheint. Ich meine diese Scherenschnitt-Eisblumen aus Papier, die man im Kindergarten oder in der Grundschule lernt und die dann ab der Adventszeit an allen Fenstern kleben, hinter denen Menschen wohnen, deren Hände noch etwas anderes können als tippen, wischen und scollen. Ein total alter Hut also, aber mit Potenzial. Denn bei den Scherenschnitt-Sternen können sich alle schöpferisch austoben und machen, was sie wollen, es sieht immer eindrucksvoll aus. Man kann ganz große Sterne machen oder ganz kleine, so grob oder so filigran, wie man will (oder das Papier aushält), man kann sie aus allem herstellen, das sich falten und schneiden lässt und braucht nur eine Schere dazu. Die Sterne können aussehen wie echte Eiskristalle, barocke Rosetten, Spitzendeckchen, Blüten, Spinnweben ... und außerdem sind sie angewandte Geometrie!

Fünf Scherenschnitt-Sterne aus kupferfarbener Alu-Bastelfolie mit Sternchenprägung auf schwarzem Grund, mit Kiefernzweigen garniert.

Hier sehen Sie meine Eis- und Schneesterne, die ich für den privaten Gebrauch und schon vor ein paar Jahren aus kupferfarbener Alufolie gemacht habe. Falls Sie vergessen haben, wie das geht:

Illustrationen der drei Faltschritte, wie im folgenden Abschnitt beschrieben.

Man nehme ein quadratisches Stück Papier (oder Alu-Bastelfolie), meins ist 10x10 cm groß. Dieses faltet man einmal in der Mitte, so dass man ein Rechteck erhält (1), dann nochmal in der Mitte falten, so dass man wieder ein Quadrat hat (2). Dieses Quadrat faltet man diagonal in der Mitte und erhält ein Dreieck (3). Wer Wert auf ein besonders gleichmäßiges Muster legt, faltet die obere Papierschicht nach vorn und die untere nach hinten um. Das Dreieck hat dann eine Zickzackfaltung, was (leicht aufgefaltet) so aussieht:

Leicht aufgefaltetes Dreieck, um die Zickzackfaltung zu zeigen.

[Das empfiehlt sich vor allem bei sehr filigranen Sternen und dickerem Material. Denn wenn man bei Schritt 3 das ganze Quadrat klassisch einmal in der Mitte faltet und dann ein Muster hineinschneidet, werden die Einschnitte in der außen liegenden Papierschicht deutlich größer als in den innen liegenden Papierschichten, was das Muster unregelmäßig macht. Wobei man das auch als gewolltes Stilmittel einsetzen könnte.]

Ist das Papier zu einem Dreieck gefaltet, kann man mit Vorzeichnung oder ohne ein Muster hineinschneiden. Wichtig ist nur, dass an den Kanten 1 und 2 (siehe folgendes Bild) Material stehen bleibt, das den Stern zusammenhält. Deshalb ist es nicht verkehrt, vor dem Schneiden noch einmal nachzusehen, wo die offene Kante und wo die Mitte des Papiers ist. Jetzt können Sie schon loslegen und eigene Sterne gestalten.

Aufgefalteter Scherenschnitt-Stern mit eingezeichnetem roten Dreieck, dass das sich wiederholende Muster markiert.

Hier ist einer von meinen Sternen mit rot eingezeichnetem Rapport (= das sich wiederholende Muster). Sollten Sie diesen Stern nacharbeiten wollen, falten Sie ihr Papier nach Anleitung zu einem Dreieck und richten Sie es so aus wie das rote Dreieck auf dem Foto (die Mitte des Papiers zeigt nach unten, die rechtwinklige Spitze des Dreiecks zeigt nach rechts). Dann schneiden Sie alles weg, was innerhalb des rot eingezeichneten Dreiecks schwarz ist.

Ob Eigenkreation oder nach Vorlage, wenn Sie alles weggeschnitten haben, was nicht zum Muster gehört, falten Sie den Stern auf, genießen den 'Ohhh'-Moment und glätten die Falten. Alufolie kann man mit dem Falzbein oder Fingernagel glattpolieren und Papier kann man über Nacht unter einem schweren Gewicht (z.B. Bücher) plattdrücken.

Meine Sterne sind übrigens Eis- und Schneesterne mit künstlerischer Freiheit, denn echte Eis- und Schneekristalle haben immer sechs Spitzen und nicht vier oder acht, wie diese hier. Aber das gehört zu einer anderen Geschichte, die in 14 Tagen erzählt werden soll.

Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.