Willkommen zurück und ein gutes neues Jahr!
Als Kunsthandwerker*in mit saisonaler Ware hat man die Wahl, entweder gegen die Jahreszeit zu arbeiten oder mit ihr. Ersteres bedeutet, im Sommer an der Weihnachtsware zu sitzen und im Herbst an der Osterware, falls man so etwas hat. Im Sommer bei bestem Licht und Hitzewelle die Engel jauchzen und frohlocken zu lassen ist schon merkwürdig. (Obwohl Engel sicher zu jeder Jahreszeit jauchzen und frohlocken, wenn es einen Anlass gibt.) Ich persönlich möchte das beste Licht und die langen Tage lieber für die komplizierten Arbeiten und Wettbewerbsexponate nutzen, also arbeite ich mit der Jahreszeit und produziere meine weihnachtlichen Werke im Winter, ein Jahr im Voraus. Man könnte natürlich auch zeitig im Herbst anfangen wie die Supermärkte mit ihren Lebkuchen Ende August, aber da werde ich nie rechtzeitig fertig und dann wird es stressig.
Bei mir gilt deshalb 'Nach Weihnachten ist vor Weihnachten', was auch den angenehmen Effekt hat, dass man im kalten und dunklen Januar nicht in ein ebenso geartetes Loch fällt, das man dann mit dem Buchen des Sommerurlaubs und Kaufen von absolut nicht nachhaltigen Treibhaustulpen füllen muss.
Es sind also gerade Engel und Sterne angesagt. Die Engel haben Sie bestimmt schon gesehen, die Sterne kennen Sie auch, aber was ist mit dem jahreszeittypischen Phänomen der
Eis- und Schneesterne
Sie sind im Winter allerorten, und kein Kreativblog kommt ohne sie aus, wie mir scheint. Ich meine diese Scherenschnitt-Eisblumen aus Papier, die man im Kindergarten oder in der Grundschule lernt und die dann ab der Adventszeit an allen Fenstern kleben, hinter denen Menschen wohnen, deren Hände noch etwas anderes können als tippen, wischen und scollen. Ein total alter Hut also, aber mit Potenzial. Denn bei den Scherenschnitt-Sternen können sich alle schöpferisch austoben und machen, was sie wollen, es sieht immer eindrucksvoll aus. Man kann ganz große Sterne machen oder ganz kleine, so grob oder so filigran, wie man will (oder das Papier aushält), man kann sie aus allem herstellen, das sich falten und schneiden lässt und braucht nur eine Schere dazu. Die Sterne können aussehen wie echte Eiskristalle, barocke Rosetten, Spitzendeckchen, Blüten, Spinnweben ... und außerdem sind sie angewandte Geometrie!
Hier sehen Sie meine Eis- und Schneesterne, die ich für den privaten Gebrauch und schon vor ein paar Jahren aus kupferfarbener Alufolie gemacht habe. Falls Sie vergessen haben, wie das geht:
Man nehme ein quadratisches Stück Papier (oder Alu-Bastelfolie), meins ist 10x10 cm groß. Dieses faltet man einmal in der Mitte, so dass man ein Rechteck erhält (1), dann nochmal in der Mitte falten, so dass man wieder ein Quadrat hat (2). Dieses Quadrat faltet man diagonal in der Mitte und erhält ein Dreieck (3). Wer Wert auf ein besonders gleichmäßiges Muster legt, faltet die obere Papierschicht nach vorn und die untere nach hinten um. Das Dreieck hat dann eine Zickzackfaltung, was (leicht aufgefaltet) so aussieht:
[Das empfiehlt sich vor allem bei sehr filigranen Sternen und dickerem Material. Denn wenn man bei Schritt 3 das ganze Quadrat klassisch einmal in der Mitte faltet und dann ein Muster hineinschneidet, werden die Einschnitte in der außen liegenden Papierschicht deutlich größer als in den innen liegenden Papierschichten, was das Muster unregelmäßig macht. Wobei man das auch als gewolltes Stilmittel einsetzen könnte.]
Ist das Papier zu einem Dreieck gefaltet, kann man mit Vorzeichnung oder ohne ein Muster hineinschneiden. Wichtig ist nur, dass an den Kanten 1 und 2 (siehe folgendes Bild) Material stehen bleibt, das den Stern zusammenhält. Deshalb ist es nicht verkehrt, vor dem Schneiden noch einmal nachzusehen, wo die offene Kante und wo die Mitte des Papiers ist. Jetzt können Sie schon loslegen und eigene Sterne gestalten.
Hier ist einer von meinen Sternen mit rot eingezeichnetem Rapport (= das sich wiederholende Muster). Sollten Sie diesen Stern nacharbeiten wollen, falten Sie ihr Papier nach Anleitung zu einem Dreieck und richten Sie es so aus wie das rote Dreieck auf dem Foto (die Mitte des Papiers zeigt nach unten, die rechtwinklige Spitze des Dreiecks zeigt nach rechts). Dann schneiden Sie alles weg, was innerhalb des rot eingezeichneten Dreiecks schwarz ist.
Ob Eigenkreation oder nach Vorlage, wenn Sie alles weggeschnitten haben, was nicht zum Muster gehört, falten Sie den Stern auf, genießen den 'Ohhh'-Moment und glätten die Falten. Alufolie kann man mit dem Falzbein oder Fingernagel glattpolieren und Papier kann man über Nacht unter einem schweren Gewicht (z.B. Bücher) plattdrücken.
Meine Sterne sind übrigens Eis- und Schneesterne mit künstlerischer Freiheit, denn echte Eis- und Schneekristalle haben immer sechs Spitzen und nicht vier oder acht, wie diese hier. Aber das gehört zu einer anderen Geschichte, die in 14 Tagen erzählt werden soll.
Ich freue mich über Kommentare an ateliergry@gmail.com.